TEIL ZWEI

Der zweite Schatten

 

Wenn die Krankheit verzweifelt ist, kann ein verzweifelt Mittel nur helfen …

Shakespeare, Hamlet 3. Akt 9. Aufzug

KAPITEL 11

RON GLADSTONE hatte mit der Gewohnheit gebrochen, die er seit dem Beginn seiner Arbeit in den Gärten von Fourways House eingeführt hatte, und war am Samstag aufgetaucht. Ihm gefiel die Vorstellung nicht, dass die Oakley-Schwestern das ganze Wochenende mit Jan alleine wären und kein Außenstehender in der Nähe war, der ein Auge auf die Dinge warf. In vierundzwanzig Stunden konnte eine ganze Menge passieren, sagte sich Ron.

Der Morgen verging relativ ereignislos bis auf eine weitere fruchtlose Diskussion über einen Gartenteich oder einen Springbrunnen. Am frühen Nachmittag bereitete Ron sich darauf vor, die Hecke nachzustutzen, die er in Zinnenform geschnitten hatte. Er war sehr stolz auf diesen ornamentalen Beschnitt, der sich entlang der rechten Seite der gekiesten Auffahrt hinzog, welche vom Haupttor hinauf zu dem runden Vorplatz vor dem Eingang führte. Dem Vorplatz mit Rons Schreckgespenst darauf, dem von Flechten überwucherten Cherub. Um besser Maß zu halten, hatte er heute an jedem Ende der Hecke einen Pflock in den Boden getrieben und eine Leine gespannt.

Nach Rons Meinung machte die Hecke einen gehörigen Eindruck auf jeden, der in die Auffahrt bog. Er war mehr als ein wenig verärgert gewesen, dass Damaris Oakley seine kunstvolle Arbeit nicht mehr bewundert hatte. Mehr noch, sie schien sich überhaupt nicht darüber zu freuen. Doch das war genau wie ihre Weigerung, über einen Springbrunnen oder Teich nachzudenken, und aus welchem Grund auch immer diesem verwitterten fetten Steinsäugling in der gemauerten Schale den Vorzug zu geben. Dieses Ding hatte seit Menschengedenken nicht mehr funktioniert und diente als Papierkorb für jedes Stück Abfall, das in dieser Richtung des Gartens anfiel. Ron hatte schon früh – und mit Bedauern – erkannt, dass die Oakley-Schwestern extrem konservativ waren, was die Gärtnerei betraf. Ron juckte es in den Fingern; er wollte kreativ mit Blumen und Zweigen umgehen. Sein ursprünglicher Traum, als er hier zu arbeiten angefangen hatte, war es gewesen, die Gärten von Fourways House in ihren Urzustand zurückzubringen, den Zustand, den sie in ihrer viktorianischen Blütezeit gehabt hatten. Wie jene Gärten in Cornwall, dachte Ron, um die jedermann so viel Aufhebens machte.

Leider hatte er in der Vergangenheit nicht die Unterstützung erfahren, die er sich gewünscht hätte, und heute würde er, wie es aussah, noch weniger die Zeit oder die Gelegenheit dazu erhalten. Fourways House sollte verkauft werden. Wäre Ron ein angestellter Gärtner gewesen, hätte er darauf hoffen dürfen, dass der nächste Besitzer ihn in seinen Diensten behalten würde. Doch als freiwilliger Helfer, als ein Mann, der seinem eigenen Hobby auf fremdem Land nachging – nun, das war etwas anderes. Und wer wusste schon, was aus Fourways werden würde? Vielleicht wurde das Haus einfach abgerissen und das Grundstück in ein Neubaugebiet verwandelt. Was dieser Tage schon fast die übliche Vorgehensweise war.

Doch mochte es kommen, wie es wollte – Ron würde erst einmal auf seinem Posten bleiben. Er würde den Garten bis zum Ende bearbeiten. Ein zusätzlicher Grund, den freien Samstag aufzugeben.

»Mach Heu, solange die Sonne scheint«, sagte er zu sich selbst. Er packte die Schere und wollte gerade anfangen, als ein Taxi durch das Tor in die Auffahrt bog. Das Tor selbst war bereits vor Jahren umgestürzt und rostete irgendwo im Unterholz vor sich hin. Die Reifen knirschten auf dem Kies, als das Taxi herankam, anhielt und der Fahrer ausstieg, um ein paar Worte mit Ron zu wechseln.

»Was machst du denn hier, Ron?«, begrüßte er ihn.

»Normalerweise kommst du doch samstags nicht?«

»Hallo Kenny«, antwortete Ron.

»Bist du gekommen, um die Ladys zum Einkaufen zu bringen?« Das war eine wöchentliche Routineangelegenheit. Ron schätzte – doch er hätte es niemals laut ausgesprochen –, dass die Oakley-Schwestern deshalb samstagnachmittags zum Supermarkt fuhren, weil dann die frischen Waren häufig reduziert waren. Die Geschäfte von Bamford hatten sonntags nicht geöffnet. Die Händler wussten, dass diejenigen unter den Bürgern, die gewillt waren, an Gottes Ruhetag Geld auszugeben, dies bei irgendwelchen Fabrikverkäufen oder Supermärkten auf der grünen Wiese taten. Doch indem Ron eine Gegenfrage gestellt hatte, war er geschickt um eine Antwort auf Kennys Frage herumgekommen.

»Ja.« Kenny Joss lehnte sich gegen sein Taxi und verschränkte die Arme vor der Brust. Seine Unterarme waren stark tätowiert.

»Hör mal, stimmt das, was ich gehört hab? Die alten Mädchen haben Besuch? Irgendein lange verschollener Verwandter oder so was?« Ron schnaufte missbilligend, einesteils, weil er der Meinung war, dass man ein wenig respektvoller von den alten Damen sprechen sollte, anderenteils wegen der Erwähnung von Jan Oakley.

»Das hast du ganz richtig gehört«, räumte er ein.

»Der Bursche meint, er wäre irgendeine Art Verwandter, aber ich sag dir, er ist ein Ausländer – wie soll er da mit den OakleySchwestern verwandt sein, frage ich dich?«

»Ich hab Verwandte in Australien«, entgegnete Kenny.

»Jede Menge Leute haben Verwandte überall in der Welt.«

»Australien ist ja noch in Ordnung«, sagte Ron.

»Die sprechen wenigstens Englisch.«

»Was denn, spricht dieser Besuch etwa kein Englisch?«, fragte Kenny verblüfft.

»O doch, er spricht Englisch.« Rons Ärger wuchs von Minute zu Minute.

»Er kommt ständig an und nervt mich mit seinen Fragen! Ich behalte ihn im Auge, das tue ich.«

»Das ist also der Grund, warum du plötzlich an einem Samstag arbeitest«, stellte Kenny fest und machte Anstalten, in sein Taxi zurückzukehren.

»Du schnüffelst herum.« Rons Schnurrbart knisterte vor Empörung.

»Ich behalte ihn im Auge, Kenny, das ist etwas anderes.«

»Na ja, viel Glück damit. Ich fahre besser und hol die beiden alten Mädchen. Ich lass dich mit deiner Observation allein. Die Hecke ist übrigens sehr gut geworden, Ron.«

»Danke sehr.« Rons Laune besserte sich augenblicklich.

»Vielleicht ein wenig dünn da drüben?«, Kenny deutete auf die Stelle.

»Lass ihr ein wenig Zeit zum Nachwachsen«, sagte Ron, und noch während er die Worte aussprach, wurde ihm bewusst, dass weder der Hecke noch ihm Zeit bleiben würde. Etwa zehn Minuten später rollte das Taxi wieder vorbei, diesmal mit Florence und Damaris auf den Rücksitzen. Damaris trug einen flachen Filzhut und hielt einen großen Korb auf dem Schoß. Florence hatte eine Jersey-Mütze mit Ohrenklappen auf, die unter dem Kinn durch eine Schlaufe zusammengehalten wurden. Die Ohrenklappen erinnerten an einen arabischen keffiye. Ron winkte den beiden alten Damen zu, als sie vornehm an ihm vorüberglitten, und sie erwiderten sein Winken wie Angehörige der königlichen Familie, eine ruhig erhobene Hand und ein leichtes Neigen des Kopfes. Ron arbeitete für ein paar Minuten an der Hecke, doch die Schere war schwergängig und benötigte ein paar Tropfen Öl. Er ging mit seinem Werkzeug zu dem halb verfallenen Stallgebäude. Es lag an einer Seite des Hauses, vor neugierigen Blicken durch ein paar Bäume abgeschirmt. Ron lagerte seine Gartenwerkzeuge und andere Dinge des täglichen Gebrauchs in der einstigen Sattelkammer. Als er im Schatten der Bäume am Haupthaus vorbeikam, bemerkte er hinter einem der Fenster eine Bewegung. Ron blieb sofort stehen, ging ein paar Schritte zurück und schlich sich von der Seite an das Fenster, um einen Blick ins Innere zu werfen. Es war das Zimmer, das die beiden Oakley-Schwestern stets als

»Büro« bezeichneten. Es war voll gestellt mit schwerem Mobiliar, lederbezogenen Ohrensesseln und einem Chesterfield-Sofa. Bücherregale ächzten unter der Last staubiger Wälzer, die seit Jahren von niemandem mehr zur Hand genommen worden waren. Durch die schmutzigen Scheiben hindurch konnte Ron die Gestalt Jan Oakleys erkennen. Der junge Oakley stand über einen großen viktorianischen Rollladenschreibtisch gebeugt und schien sich, soweit Ron erkennen konnte, am Schloss zu schaffen zu machen. Plötzlich richtete er sich auf, packte den Griff der Rolllade und schob sie nach hinten. Er bewegte sich wie ein Mann, der zufrieden war mit dem Ergebnis seiner Bemühungen.

»Er hat das Schloss mit einem Dietrich geöffnet, jede Wette, der Mistkerl!«, murmelte Ron vor sich hin.

»Miss Oakley hat den Schlüssel an ihrem Schlüsselbund, so viel weiß ich.« Jetzt, da der Schreibtisch geöffnet war, konnte man sehen, dass die Fächer an der Rückwand mit allen möglichen Papieren gefüllt waren. Jan blickte sich um, was Ron zusammenzucken und ein paar Schritte zurückweichen ließ, weil er fürchtete, entdeckt worden zu sein. Doch als er es nach einigen Sekunden wagte, einen erneuten Blick durch das Fenster zu werfen, sah er, dass Jan Oakley sich lediglich einen Sessel herangezogen hatte, auf dem er nun saß und sorgfältig die Dokumente durchging, alte Briefe und Rechnungen und tausend andere Dinge, die in dem Schreibtisch aufbewahrt wurden. Ron entfernte sich vom Fenster und stand unentschlossen mit der Schere in der Hand da. Was sollte er tun? An die Scheibe klopfen und dem Burschen einen gehörigen Schreck einjagen? Oder warten, bis die Oakley-Schwestern von ihrem Einkauf zurückkehrten, und ihnen dann alles erzählen? Weiter wachen und sehen, was Jan sonst noch im Schilde führte? Und den Oakleys später irgendwann alles anvertrauen, sobald er sämtliche Beweise zusammenhatte? Er schlich erneut zum Fenster. Jan schien gefunden zu haben, wonach er gesucht hatte, denn er saß nun dort und las eifrig ein großes, steifes Blatt Papier. Ein weiteres Papier der gleichen Sorte lag neben seiner Hand auf dem Schreibtisch. Während Ron ihn beobachtete, nickte Jan Oakley vor sich hin, faltete beide Blätter und steckte sie in Umschläge, die er in die Fächer zurücklegte, aus denen er sie genommen hatte. Dann zog er die Rolllade nach vorn und überzeugte sich, dass das Schloss wieder eingeschnappt war. Schließlich verließ er das Zimmer. Ron erinnerte sich, dass er eigentlich auf dem Weg zur alten Sattelkammer gewesen war. Er ging los, tief in Gedanken versunken und sehr, sehr unzufrieden. Er hatte die Sattelkammer zu Beginn seiner Arbeit auf Fourways House ausgekehrt und nach seinen Bedürfnissen verändert, doch die Anzeichen ihrer eigentlichen Bestimmung waren eine ständige Erinnerung an den Glanz vergangener Tage. Holzzapfen ragten aus den Wänden, wo einst Geschirre gehangen hatten. Selbst jetzt noch hing ein schwacher Geruch nach Sattelseife in der Luft, nach Tabak, Huföl und dem säuerlichen Schweiß von Pferden. Ron setzte sich auf eine Bank, um sich der Heckenschere zuzuwenden. Seine Haltung und sein Benehmen unterschieden sich in nichts von dem des Stallburschen, der früher hier gesessen, das Leder geölt und das Messing poliert hatte, doch davon konnte Ron nichts wissen. Er arbeitete automatisch, während sein Verstand sich mit anderen Dingen beschäftigte. Der Fremde hatte seine Nase in Dinge gesteckt, die ihn nichts angingen, so viel stand fest. Ron fing an zu bedauern, dass er so lange gezögert hatte, bis die Chance vorbei gewesen war, ans Fenster zu klopfen und Jan wissen zu lassen, dass Ron ihn beim Schnüffeln ertappt hatte. Andererseits – hätte er Jan beschuldigt, hätte dieser nur antworten müssen, dass er mit Genehmigung der Schwestern handelte. Ron konnte es Miss Oakley berichten, sobald sie zurück war, doch die Frage blieb: Sollte er? Jan würde sicherlich alles abstreiten, wenn er zur Rede gestellt wurde. Es würde einen hässlichen Familienstreit geben, und es war schließlich nicht Rons Familie. Er beschloss, noch einmal in aller Ruhe darüber nachzudenken. Er konnte die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Man musste sich mit Jan befassen und ihn daran hindern, weiter im Haus herumzuschnüffeln, allerdings auf eine Weise, die den beiden alten Damen den geringst möglichen Stress bereitete. Ron zermarterte sich das Gehirn über dieses Problem. Vielleicht eine halbe Stunde später war er zurück und schnitt mit seiner frisch geölten Schere die Hecke, als er überrascht und beunruhigt feststellte, dass Jan Oakley aus dem Haus kam. Er kam direkt auf Ron zu mit seinen federnden, athletischen Schritten. Diesmal trug er keine Jeans, sondern rehbraune weite Hosen und einen gemusterten Pullover. Gehst du auf eine Party?, dachte Ron grimmig. Jan war bei ihm angekommen und blieb stehen.

»Sie sind ein fleißiger Arbeiter, Mr. Gladstone.« Er sah so unglaublich selbstzufrieden aus, dass Ron alle Mühe hatte, eine saftige Antwort zu unterdrücken. Er hatte sich unterdessen entschlossen, selbst mit Jan über den Zwischenfall im Büro zu sprechen und den Schwestern nichts zu erzählen. Sie würden sich nur aufregen. Doch Ron hatte noch nicht darüber nachgedacht, wie er das Gespräch anfangen und was er sagen würde, um dem Besucher ein für alle Mal klar zu machen, dass Ron ihn durchschaut hatte, ganz gleich, welche Art von linkem Spiel er spielte. Es erforderte sorgfältig überlegte Worte, und Jan hatte ihn auf dem linken Bein erwischt. Ron gab sich fürs Erste mit einem Nicken und einem gemurmelten

»Ja« zufrieden. Jan tat, als hätte er den Wink mit dem Zaunpfahl übersehen.

»Ich gehe nach Bamford. Zu dumm, dass heute keine Busse fahren, wirklich. Ich hätte mit meinen Cousinen im Taxi fahren können, aber es wäre recht eng geworden.« Außerdem wolltest du alleine sein, damit du in Ruhe im Haus herumschnüffeln kannst, dachte Ron.

»Dann mal los«, sagte er laut und wünschte insgeheim, dass Jan nicht wiederkommen würde.

»Auf mich wartet Arbeit. Kann nicht rumstehen und beliebig mit Ihnen schwatzen.« Doch der Kerl blieb einfach stehen und grinste Ron auf seine eigenartige, selbstgefällige Weise an. Er war offensichtlich eifrig darauf bedacht, Ron irgendeine Information zu vermitteln.

»Ich werde mich mit einer Frau treffen!«, sagte Jan Oakley dann auch triumphierend.

»Sie hat mich zum Tee eingeladen!« Mit diesen Worten wandte er sich ab und marschierte davon. Ron starrte verblüfft hinter ihm her.

»Na denn!«, sagte der Gärtner schließlich.

»Ich weiß nicht, mit welcher Frau dieser Bursche sich trifft, aber wer auch immer sie sein mag – sie muss nicht ganz bei Trost sein!«

Meredith hätte ihm ohne Zögern zugestimmt. Sie hätte sich niemals von Juliet zu dieser Sache überreden lassen dürfen. Sie schämte sich so sehr wegen ihrer Schwäche, dass sie Alan kein Wort von dem bevorstehenden Besuch am Samstagnachmittag erzählt hatte. Sie sah ihm hinterher, als er zusammen mit seinem Schwager davonfuhr, und winkte mit einer Nonchalance, die sie nicht empfand.

Zurück in der Küche traf sie Vorbereitungen für den Empfang von Jan Oakley. Sie nahm ein Paket Biskuitkuchenmischung und las die Zubereitungsvorschriften, während ihre Stimmung immer schlechter wurde. Sie konnte natürlich jederzeit nach draußen gehen und einen fertigen Kuchen kaufen, doch sie war der Meinung, wenn man schon jemanden zu sich nach Hause einlud, sollte man ihm zumindest selbstgemachtes Essen servieren. Das Dumme daran war nur, Kochen war nicht gerade ihre Stärke. Andererseits schien die Zubereitung nicht schwierig zu sein. Ein Ei hinzufügen. So und so viel Wasser. Alles miteinander verrühren und in den Ofen stellen.

Meredith hielt sich genau an die Vorschrift, doch die Mischung sah irgendwie nicht richtig aus. Sie goss den Teig in eine Form (Muss er wirklich so flüssig sein?) und stellte die Form in den Ofen. Während sie die Rührschüssel abwusch, überlegte sie sich die passenden Worte, wie sie Jan Oakley davon überzeugen konnte, die Oakley-Schwestern in Ruhe zu lassen. Sie reihte die Punkte in Gedanken auf. Die beiden waren alt. Trotz des Eindrucks, den Jan möglicherweise bei seiner Ankunft gewonnen hatte, musste er doch inzwischen selbst erkannt haben, dass sie arm waren. Sie schämten sich für William Oakley, den gemeinsamen Vorfahren. Dieser Teil würde schwierig werden. Jan vertrug keine Andeutung, William könnte ein Mörder sein. Meredith würde sagen, dass man den beiden Schwestern eine ganz andere Geschichte erzählt hatte als Jan, und als Ergebnis empfanden sie ihre Verwandtschaft mit William Oakley als beschämend. Jan Oakley musste erkennen, dass der Versuch, aufgrund dieser Verwandtschaft Geld aus den beiden Schwestern zu pressen, unehrenhaft war. Mehr noch – es war sinnlos. Damaris und Florence Oakley besaßen kein Geld.

Der Wecker des Ofens summte. Meredith nahm den Kuchen aus der Backröhre. Er sah nicht genau aus wie auf der Packung, sondern viel kleiner und von eigenartiger Form, mit einer Spitze in der Mitte. Es wurde nicht besser, als sie die Glasur auftrug. Sie lief immer wieder an der Seite herunter. Meredith schaufelte sie auf und goss sie erneut über den Teig, bis das meiste darauf verteilt war, dann stellte sie den Kuchen in den Kühlschrank, damit die Glasur rasch erkaltete, bevor alles wieder herunterlief.

Sie war gerade damit fertig geworden, als es an der Tür läutete. Jan stand auf der Stufe. Zu ihrem Entsetzen hielt er einen großen Strauß leuchtend bunter Blumen in der Hand.

»Danke sehr«, sagte sie schwach und nahm den Strauß entgegen.

»Bitte kommen Sie doch herein.« Doch er war bereits an ihr vorbei ins Haus gegangen und blickte sich um. Er schien wenig beeindruckt.

»Es ist das Haus meines Lebensgefährten«, sagte Meredith hastig.

»Wir wollen es verkaufen und uns ein anderes suchen.«

»Ah, der Polizist, nicht wahr? Ist er nicht da?« Jan blickte sich forschend um und, wie Meredith zu bemerken glaubte, ein wenig angespannt.

»Nein. Er ist zu einem Fußballspiel gefahren und kommt später hinzu.« Ziemlich viel später. Alan würde wahrscheinlich mit Paul noch in ein Pub gehen oder seine Schwester und ihre Kinder besuchen. Sie erwartete Markby nicht vor dem späten Abend zurück, doch es war besser, wenn Jan Oakley glaubte, dass er jeden Augenblick durch die Tür kommen konnte.

»Es ist wirklich sehr nett von Ihnen, mich so einfach einzuladen.« Er lächelte sie an. Meredith rief sich ihren Plan ins Gedächtnis, nämlich Jan dazu zu bringen, das zu tun, was alle von ihm wollten, und dazu war es erforderlich, dass sie nett zu ihm war.

»Ich weiß, was es heißt, fremd zu sein«, sagte sie, während sie ihn ins Wohnzimmer führte.

»Machen Sie es sich bequem. Ich gehe in die Küche und mache uns einen Tee.« In der Küche rief sie sich noch einmal ins Gedächtnis, was sie sagen wollte. Vorausgesetzt, sie konnte die Konversation in Gang halten, wie sie es beabsichtigte, dann sollte es nicht schwierig sein, Jan zum Zuhören zu bewegen. Ob sie ihn dazu brachte, bei ihren Plänen mitzumachen, war eine andere Frage. Meredith fürchtete, dass Juliet ihre Überzeugungskraft gegenüber dem jungen Mann stark überschätzt hatte. Jan saß entspannt auf dem Sofa, einen Arm auf der Rückenlehne, als sie das Tablett mit dem Tee brachte. Sein Gesicht war ein wenig gerötet, und sie vermutete, dass er das Zimmer untersucht hatte, während sie in der Küche gewesen war, und sich hastig gesetzt hatte, als er sie hatte kommen hören. Sie reichte ihm eine Tasse Tee und ein Stück Kuchen, das er verblüfft ansah.

»Sehr gut«, sagte er höflich, doch unter einigen Schwierigkeiten, da die Mischung an seinen Zähnen zu kleben schien. Meredith hielt den Augenblick für geeignet, mit ihrer vorbereiteten Rede zu beginnen, während er beschäftigt war.

»Hören Sie, Jan, ich möchte offen zu Ihnen sein«, sagte sie.

»Ich dachte mir, Sie hätten heute vielleicht nichts zu tun und Lust, mit mir eine Tasse Tee zu trinken, doch das ist nicht der eigentliche Grund, warum ich Sie heute Nachmittag um Ihren Besuch gebeten habe.« Wenn sie geglaubt hatte, dass er überrascht reagieren würde, dann hatte sie sich geirrt. Er nickte und lächelte sie an, als stünde sie im Begriff, ihm ein Geheimnis anzuvertrauen. Inzwischen hatte er den Bissen Kuchen heruntergeschluckt und stellte nun auch seine Tasse ab.

»Sicher, ich verstehe. Ich habe ebenfalls nachgedacht, wissen Sie?«

»Über Ihre Cousinen? Über den Hausverkauf?« Sie war erstaunt – sie hätte nicht geglaubt, dass er als Erster auf dieses Thema zu sprechen kommen würde. Doch er schüttelte den Kopf.

»Meine Cousinen? Warum wollen wir über meine Cousinen reden? Ich bin hergekommen, um dich zu sehen. Du wolltest mich doch auch sehen. Darum geht es doch, oder nicht? Schlau von dir, deinen Polizisten zum Fußball zu schicken. Den brauchen wir ganz bestimmt nicht!«

»Hören Sie«, sagte Meredith rasch.

»Damit wir uns nicht falsch verstehen. Ich habe Sie hergebeten, um mit Ihnen über Ihre Cousinen zu sprechen, weiter nichts. Alan ist mein Lebensgefährte. Er und ich überlegen, dieses Haus zu verkaufen. Das ist eine größere Sache. Ein Hausverkauf ist für alle Beteiligten anstrengend.« Jan nickte zu Merediths Worten. Er beäugte den Kuchen, doch er bat nicht um ein weiteres Stück.

»Okay, das musst du mir nicht sagen. Das weiß ich selbst. Na und? Ich bin hier, um den beiden zu helfen.« Er sagte es mit der inzwischen vertrauten Selbstgefälligkeit, die Meredith trotzdem immer noch kurz aus dem Tritt brachte. Glaubte er das wirklich? Subtilität war ganz offensichtlich nicht seine starke Seite. Also verschwendete sie auch keine weitere Zeit damit.

»Ich bin sicher, dass Sie Ihren Cousinen helfen möchten, aber bisher haben Sie Damaris und Florence offensichtlich nur erschreckt. Ich habe erfahren, dass Sie Ansprüche auf einen Teil des Besitzes erheben.« Jan klopfte seine Finger ab und schüttelte den Kopf.

»Du hast mit Mrs. Painter gesprochen. Sie ist eine sehr resolute Frau!« Er kicherte.

»Unglücklicherweise hat sie meine Absichten völlig missverstanden. Ich könnte selbstverständlich einen Anspruch auf Teile des Besitzes erheben, gemäß dem Testament meines Urgroßvaters. Doch ich habe keinerlei Absicht, so etwas zu tun. Meine Cousinen müssen das Haus verkaufen, das habe ich sehr genau verstanden. Es ist in einem ziemlich schlimmen Zustand, und die Zimmer sind ausnahmslos sehr kalt.« Er schnitt eine Grimasse.

»Es gibt keine vernünftige Heizung, lediglich einen Gasofen in jedem Zimmer, der überhaupt nicht ausreicht. Um ganz ehrlich zu sein, Meredith – es hat mich sehr traurig gemacht, dieses schöne alte Haus in einem so traurigen Zustand zu sehen. Allerdings …« Er zuckte die Schultern.

»Nun ja, es ist nicht zu ändern. Was man nicht auskurieren kann, muss man aushalten – ist das nicht ein englisches Sprichwort?«

»Ja«, sagte Meredith schwach.

»Ich bin ganz dafür, dass es verkauft wird«, fuhr er fort.

»Dürfte ich vielleicht noch eine Tasse Tee haben?« Er hielt Meredith seine Tasse hin.

»Selbstverständlich.« Meredith schenkte abwesend seine Tasse voll und verschüttete etwas in den Unterteller.

»Wenn Sie sagen, dass Sie nicht beabsichtigen, einen Teil des Besitzes zu beanspruchen – heißt dass, Sie erwarten nicht, einen Teil des Verkaufserlöses zu erhalten?« Er lächelte, und der Goldzahn blitzte.

»Nun ja, es wäre sehr nett, wenn meine Cousinen sich mir gegenüber großzügig erweisen würden – falls sie es sich leisten können. Ich sage nicht, dass ich das Geld nicht brauchen könnte, doch ich erwarte nichts. Ich verstehe ihre Situation. Sie leben in sehr ärmlichen und traurigen Verhältnissen.«

»Sie erwarten nichts?« Das war das genaue Gegenteil von dem, was Juliet behauptet hatte!

»Nein. Und nun müssen wir nicht länger darüber reden, oder?« Er beugte sich vor.

»Schließlich ist das nicht der wirkliche Grund, aus dem du mich zu dir gebeten hast, nicht wahr? Auch ich habe über einen Weg nachgedacht, wie wir uns wiedersehen können.«

»Es tut mir Leid, aber Sie verstehen da etwas ganz falsch!«, begann Meredith alarmiert. Jan ignorierte ihren Protest.

»Ziemlich clever von dir, deinen Polizistenfreund zum Fußball zu schicken.« Er klopfte auf das Sofa.

»Komm her und setz dich zu mir.«

»Das werde ich ganz bestimmt nicht tun! Sind Sie taub? Hören Sie, ich habe keinerlei Interesse an Ihnen! Ich habe Sie lediglich hergebeten, um mit Ihnen zu reden …«

»Hör mir auf damit.« In seinen dunklen Augen flackerte plötzlich ein eigentümliches Leuchten auf. Es verschaffte Meredith einen Vorteil von einem winzigen Bruchteil einer Sekunde. Als er sich auf sie stürzen wollte, riss Meredith die Teekanne hoch und schleuderte sie ihm ins Gesicht. Sie war nur halb voll gewesen und der Tee nicht mehr kochend heiß. Außerdem landete das meiste auf seinem Hemd. Trotzdem stieß er einen lauten Schmerzensschrei aus und fluchte auf Polnisch – oder wenigstens nahm Meredith an, dass er fluchte.

»Du englisches Miststück!«, brüllte er.

»Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Das machst du nicht ungestraft mit mir! Ich werde dir zeigen …« Meredith riss das Kuchenmesser hoch. Es war ein altmodisches Messer, das sie in einer Küchenschublade gefunden hatte. Die Klinge war gezackt, doch sie lief spitz aus. Jan erstarrte. Sein Blick hing am Messer. Für einen kurzen Augenblick schien er unschlüssig. Meredith hielt den Atem an, doch sie wich nicht zurück. Sie durfte sich ihre Angst nicht anmerken lassen, das wusste sie. Doch sie hatte Angst, nicht nur vor dem, was er vielleicht tun konnte, sondern auch vor dem, was sie tun musste, um ihn daran zu hindern. Dann wechselte er die Stimmung so plötzlich wie schon mehrmals zuvor und zuckte die Schultern.

»Frigide Engländerinnen«, schnarrte er.

»Alle sagen, ihr Engländerinnen wärt frigide, und sie haben Recht.«

»Hinaus!«, befahl Meredith eisig.

»Schon gut, schon gut! Es wäre sowieso nichts passiert, was das Bleiben wert gewesen wäre, oder?« Er marschierte auf seine federnde Weise zur Tür. Sie hörte die Haustür schlagen und beobachtete vom Fenster aus, wie er die Straße hinunterstapfte. Erst dann fing sie an unkontrolliert zu zittern. Das Messer an sich zu reißen war reiner Reflex gewesen, weiter nichts. Sie war bedroht worden und hatte nach einer Waffe gegriffen. Angenommen, er hätte es für einen Bluff gehalten? Hätte sie es benutzt? So, dachte Meredith, passieren Morde. So einfach. Auf was hätte sie plädiert? Notwehr? Eine Sache war sicher: Alan durfte es nie erfahren. Jan würde wohl kaum jemandem erzählen, dass sie ihn mit vorgehaltenem Messer aus dem Haus gejagt hatte, davon ging sie aus. Nicht, dass sie ihn tatsächlich mit dem Messer in der Hand verjagt hatte. Er hatte vielmehr erkannt, dass sie wütend war, und es gehörte mitnichten zu seinem Plan, sich in eine einheimische Zelle sperren zu lassen. Er war einfach zu clever. Meredith nahm den verbliebenen Kuchen und trug ihn in die Küche. Dort legte sie ihn in eine Dose, wo er vermutlich bleiben würde, bis sie sich wieder daran erinnerte und ihn fortwarf. Anschließend atmete sie mehrfach tief durch und rief Juliet an.

»Jan Oakley war hier«, begann sie ohne Umschweife.

»Und bevor Sie irgendetwas sagen – nein, es hat nicht funktioniert!«

»Warum denn nicht?«, fragte Juliet trotzig.

»Warum nicht? Herrgott im Himmel, wer bin ich? Ein Wunderheiler? Es hat nicht funktioniert, weil er zu gerissen ist! Er streitet nicht ab, dass es nett wäre, nach seinen Worten, wenn seine Cousinen ihm ein wenig Geld geben würden, doch er könnte sehen, unter welchen Bedingungen sie leben, daher erwartet er nichts von ihnen. Nicht einen Penny, Juliet!«

»Was?«, heulte es durch die Leitung.

»Natürlich könnte er«, versuchte Meredith ruhig zu bleiben,»natürlich könnte er irgendwie herausgefunden haben, dass wir alle uns gegen ihn verbündet haben, und nun weicht er zurück.« Ein Schnauben.

»Glauben Sie das bloß nicht! Er hat noch ein Ass im Ärmel, da bin ich mir sicher!« Juliets Stimme klang fassungslos.

»Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Ich weiß nur, dass Sie keiner Menschenseele etwas darüber erzählen dürfen, Juliet, nicht nachdem er sein Glück bei mir versucht hat und ich ihn rausgeworfen habe. Alan würde ausflippen, wenn er etwas davon erführe.«

»Genauso wie Damaris und Florence. Meredith, Sie haben gesagt, er hätte sein Glück bei Ihnen versucht – wie, äh, hartnäckig war er?«

»Nicht so hartnäckig, wie ich zuerst befürchtet habe. Sein Verstand hat sich rechtzeitig eingeschaltet. Jan ist niemand, der sich seine Pläne durch einen unnötigen Zwischenfall selbst durchkreuzt. Er ist ein Denker, unser kleiner Pole. Trotzdem, je schneller er im Flugzeug nach Hause sitzt, umso besser.«

»Und was machen wir nun?«, fragte Juliet niedergeschlagen.

»Vielleicht sollten wir noch einmal mit Laura reden. Sie fragen, ob sie sich nicht mit ihm befassen kann? Ich habe alles getan, was in meiner Macht steht. Jetzt muss jemand anders Jan zur Vernunft bringen.«

Damaris und Florence Oakley hatten einen langen Nachmittag in Bamford verbracht. Abgesehen vom Supermarkt war Florence beim Friseur gewesen, um sich ihren halbjährlichen Schnitt zu holen, und Damaris war Unterwäsche kaufen gegangen. Glücklicherweise gab es in Bamford immer noch einen kleinen Laden, wo man anständige Knicker und Unterhemden kaufen konnte. Während Damaris darauf wartete, bedient zu werden, betrachtete sie voll faszinierter Befremdung eine Schaufensterpuppe, die nur den hauchdünnsten Fetzen von Material trug, um die Scham unterhalb des Bauchs zu bedecken, und irgendein drahtiges Dings, um die Brüste zu stützen. Die Puppe trug hauchdünne schwarze Nylons dazu, die ohne Strapse hielten.

»Hier, bitte sehr, Miss Oakley«, sagte die ältere Verkäuferin zu Damaris und zeigte ihr eine paar weit aussehende engmaschig gestrickte Damenunterhosen mit langem Bein, die sie auf der Glastheke vor Damaris ausbreitete. Der Stil dieser Unterwäsche nannte sich unerklärlicherweise nach einer französischen Epoche, Directoire.

»Was? Oh, bitte entschuldigen Sie«, sagte Damaris.

»Ja, die sind sehr gut.« Der Blick der Verkäuferin wanderte verächtlich zu der Schaufensterpuppe in ihren fadenscheinigen Dessous.

»Ein albernes Ding«, sagte sie.

»Aber wir müssen all die modernen Sachen auf Lager halten. Die Mädchen tragen heutzutage nichts anderes mehr.«

»Das kann doch unmöglich warm halten«, bemerkte Damaris. Aber wenn man jung ist, merkt man die Kälte nicht, dachte sie. Das Blut ist heiß, die Haut prickelt, und man ist lebendig.

»Später bezahlen sie mit Rheuma dafür«, sagte die Verkäuferin tröstend. Draußen vor dem Laden standen zwei junge Mädchen und unterhielten sich. Damaris schätzte sie auf sechzehn oder siebzehn. Eins der Mädchen trug Jeans und eine Männerjacke aus Tweed, ziemlich alt und wahrscheinlich von einem Flohmarkt. Sie hatte lange dunkle Haare, die zu zahlreichen Ringellöckchen aufgedreht waren, wie ein Beau aus der Zeit der Restauration. Das andere Mädchen hatte im Gegensatz dazu kurzes feuerrotes Haar, das mit Pomade oder etwas in der Art zu Stacheln frisiert war. Es trug einen fließenden schwarzen Rock mit einem Muster aus roten Mohnblüten und darunter schwere Stiefel. Die beiden lachten ausgelassen über irgendwas. Ich glaube nicht, dass ich je wirklich jung war, dachte Damaris erschrocken. Oh, jung an Jahren, sicher, aber gefühlt habe ich mich nie so. Wir Oakley-Mädchen wurden gut erzogen. Wir durften niemals Anlass für einen Skandal oder Geschwätz sein. Wir Oakleys durften nie einen Mangel an Moral zeigen. Erst als sie älter geworden war, ein ganzes Stück älter sogar, bereits weit im mittleren Alter, hatte Damaris die zwanghafte Besessenheit ihrer Eltern begriffen, ihre Bemühungen um Respektabilität, um Etikette und Verlässlichkeit. Es war ein notwendiger Schleier, um die Wahrheit zu verhüllen, nämlich dass Fourways House und die Familie der Oakleys gebrandmarkt waren, gebrandmarkt durch ein grausames, ungesühntes Verbrechen. Sie lebten im Schatten eines Mordes. Sie mussten den Preis dafür bezahlen, sie alle und solange sie lebten, jeder Einzelne zahlte den Preis für Williams Sünde. Und so wurde den Töchtern gelehrt, dass Frivolität einen schwachen moralischen Willen verriet. Ihnen wurde eingebläut, dass sie sich wegen gar nichts schämen mussten, solange sie sich anständig benahmen und ihre Pflicht erfüllten. Es war Unsinn! Damaris fühlte sich, als wären ihr Schuppen von den Augen gefallen, und nun, viel zu spät, hatte sie die Wahrheit hinter dieser Doktrin erkannt. Sie und ihre Schwester waren die Opfer einer hinterlistigen Täuschung gewesen, dazu geschaffen, sie zu kontrollieren. Bei mir hat es funktioniert, so viel steht fest!, dachte Damaris in hilfloser Wut. Ich habe nie etwas Unbesonnenes gemacht. Ich bin nie irgendein Risiko eingegangen. Ich habe nie die Regeln guten Benehmens verletzt. Ich habe immer meine Pflicht getan und mich um andere gekümmert, und was habe ich nun davon? Jetzt brauche ich Hilfe, und wer kümmert sich nun um mich? Niemand. Ich bin an der Reihe, aber ich muss mich ganz alleine um Florence und mich kümmern. Einmal mehr waren sie und ihre Schwester ausersehen, die Opfer zu sein und durch jemand anders manipuliert und kontrolliert zu werden. Diesmal durch einen jungen Mann, von dem sie praktisch überhaupt nichts wussten und dessen Macht über sie aus einer entfernten Verwandtschaft herrührte sowie seiner skrupellosen Entschlossenheit. Laura Danby, ihre Anwältin, hatte ihnen gesagt, dass ein Gericht so gut wie sicher gegen Jan entscheiden würde und dass sie sich keine Sorgen machen sollten. Aber was soll eine Anwältin auch anderes sagen, eh?, dachte Damaris grimmig. Sicher in einem Heim mit einem liebenden Ehemann, vier gesunden Kindern und einer florierenden Karriere … Laura hat gut reden, wirklich. Keine Sorgen machen, pah! Hier ging es nicht um Gesetz und Recht. Hier ging es um Machtspielchen zwischen Menschen, die unter einem Dach gefangen waren, und damit kannte sich Damaris nur zu gut aus!

»Diesmal lassen wir uns nicht übervorteilen, diesmal nicht!«, murmelte sie laut.

»Ich werde tun, was auch immer nötig ist, um Florence und mich zu schützen!« Es war fünf Uhr nachmittags, als Kenny sie vor ihrer Haustür absetzte. Ron Gladstone war inzwischen gegangen. Kenny trug ihre Einkäufe in die Küche, während die beiden Schwestern ihre Hüte und Mäntel auszogen und sich vor dem großen Spiegel in der Eingangshalle ein wenig zurecht machten, Haarsträhnen an die richtige Stelle zupften und sich gegenseitig dabei halfen, den Blusenkragen gerade zu rücken. Sie waren eben fertig, als Kenny aus der Küche zurückkehrte.

»Alles bereit für die Prozession?«, fragte er fröhlich. Sie lächelten höflich über diesen Scherz und boten ihm einen Tee an, doch er lehnte ab.

»Ich habe die meisten von Ihren Sachen auf den Küchentisch gelegt, bis auf die Eier und den Käse, die sind im Kühlschrank. Sie sollten sich vielleicht mal einen anständigen Gefrierschrank kaufen. Das spart Strom.«

»Was sollten wir denn hineintun?«, fragte Florence. Kenny überlegte, dann sagte er:

»Sie haben Recht – wahrscheinlich nichts.« Damaris trug ihre Wäsche nach oben. Sie konnte hören, wie Kenny und Florence sich unten in der Halle weiter unterhielten, doch sie verstand kein einziges Wort. Dann hörte sie, wie Kenny pfeifend ging. Als sie wieder nach unten kam, war Florence in der Küche und hielt ein Glas Streichcreme in der Hand.

»Kenny ist sehr entgegenkommend, weißt du?«, sagte Florence, als Damaris den Raum betrat.

»Trotz dieser schrecklichen Tätowierungen.« Florences Wangen waren gerötet. Sie war früher ein hübsches Mädchen gewesen, das die Blicke der Männer auf sich gezogen hatte.

»Seine Mutter war eine Joss«, sagte Damaris steif.

»Britannia Joss. Die Josses waren schon immer ungeschliffene Diamanten.« Die Joss-Familie war ein richtiger Clan, eng verbunden und von der gesamten Stadt mit Misstrauen beobachtet. Viele Mitglieder der Familie erschienen regelmäßig vor dem Friedensrichter, und jeder kleine Gelegenheitsdiebstahl wurde ihnen zugeschrieben. Allerdings schien ihnen der Mangel an sozialem Status nicht das Geringste auszumachen.

»Oh, ich erinnere mich an Britannia«, sagte Florence bedeutsam. Sie stockte.

»Unten bei der Tankstelle in diesem Cottage wohnen immer noch welche von ihnen, nicht wahr?«, sagte sie schließlich.

»Ja«, sagte Damaris und lächelte schief.

»Die Josses und die Oakleys gehören wahrscheinlich mit zu den ältesten Familien von Bamford.«

»Früher gab es auch noch die Markbys«, sinnierte Florence.

»Aber heute sind nur noch der junge Alan und die liebe Laura übrig, die weggegangen ist, um Jura zu studieren. Ich glaube, Alan ist Polizist geworden. Ich erinnere mich noch, als sie Kinder waren und ihre Mutter sie mit hierher gebracht hat.«

»Er ist inzwischen sicher bereits vierzig oder so«, sagte Damaris. Sie nahm ein paar übrig gebliebene Einkäufe und begann, sie in den Schränken zu verstauen. Dann brach sie ab und wandte den Kopf. Schritte trampelten über die Steine draußen, und unvermittelt erschien Jan aus dem Nebenwirtschaftsraum. Er musste die Hintertreppe genommen haben, die Damaris und Florence nie benutzten.

»So, dann seid ihr also wieder gesund und munter zu Hause!«, begrüßte er sie und rieb sich die Hände. Beide Schwestern starrten ihn schweigend an. Weder Damaris noch Florence fiel eine passende Antwort ein.

»Wie war euer Nachmittag?«, fuhr Jan unbekümmert fort.

»Er war gut, danke sehr«, brachte Damaris hervor. Jan lächelte sie an.

»Nun, es war ein wunderschöner Nachmittag, nicht wahr? Mr. Gladstone ist nach Hause gegangen. Ich glaube nicht, dass er mich mag. Ich weiß gar nicht, was ich ihm getan habe.« Diese Beobachtung hinderte ihn nicht daran, selbstzufrieden zu grinsen, und Damaris fragte sich nicht zum ersten Mal, was sich dahinter verbarg. Jan setzte sich an den Küchentisch, als wollte er mit den Schwestern ein Schwätzchen halten.

»Ich hatte ebenfalls einen sehr schönen Nachmittag«, begann er und beugte sich vertraulich vor. Die beiden Schwestern wichen ein wenig zurück.

»Ich war zum Tee bei einer sehr charmanten Frau.« Er hob den Zeigefinger und wackelte in ihre Richtung.

»Ich denke, ihr kennt sie.« Als sie nicht antworteten, sondern ihn weiter ausdruckslos ansahen, fügte er mit einer Spur von Triumph in der Stimme fort:

»Meredith. Meredith Mitchell.« Die Oakleys wechselten Blicke. Florence sah verwirrt aus, und Damaris beeilte sich, sie zu beruhigen.

»Keine Sorge, Liebes.« An Jan gewandt fuhr sie fort:

»Tatsächlich? Das muss in der Tat sehr nett gewesen sein für dich, Cousin. Vielleicht möchtest du dich ein wenig vor den Fernseher setzen?« Er strahlte die Schwestern an und sprang auf, was Damaris an einen Springteufel erinnerte, den sie als Kind besessen hatte. Es war ein unangenehmes Spielzeug gewesen, das mit schrillem Kreischen aus der schrillbunten Schachtel gekommen war und mit dümmlichem Grinsen von einer Seite zur anderen geschaukelt hatte. Sie zeigte ihr Unbehagen. Jans Lächeln verging.

»Ja, keine schlechte Idee. Ich würde mir gerne die Abendnachrichten ansehen«, sagte er steif. Damaris sah ihm hinterher, als er aus der Küche eilte, und im Geiste schob sie den Springteufel in seine Schachtel zurück. Dann wandte sie sich an ihre Schwester.

»Nun – was wollen wir essen? Ich dachte an Toast mit Käse … oh, du hast bereits die Streichcreme aus dem Schrank genommen.« Sie deutete auf das Glas in der Hand ihrer Schwester.

»Ich glaube, die mag ich lieber. Falls es dir recht ist, heißt das«, antwortete Florence.

»Wir könnten den Toast dazu machen.« Sie fingen schweigend an, ihre einfache Mahlzeit zuzubereiten. Florence durchbrach die Stille als Erste.

»Oh, Damaris, was hat das alles zu bedeuten? Was geht da vor? Wieso ist er bei Meredith zum Tee? Oder besser, wie kommt sie dazu, ihn einzuladen? Sie erschien mir immer als eine so nette, vernünftige Person?«

»Ich bin sicher, es gibt eine absolut vernünftige Erklärung dafür«, antwortete Damaris resolut. Florence flüsterte noch immer, als sie unter verstohlenen Blicken in Richtung Tür fortfuhr:

»Er ist ein gut aussehender junger Mann. Er wird doch wohl … er wird doch wohl keinen Ärger machen? Laura hat mir erzählt, Meredith wäre Alans Freundin.«

»Nein«, antwortete Damaris langsam.

»Er wird ganz bestimmt keinen Ärger mehr machen. Ich werde das nicht zulassen.«

Sie saßen in der Küche, bis Jan das Haus verließ, um sein Abendessen im The Feathers einzunehmen. Als er zurückkehrte, noch immer in unerträglich guter Laune, entschuldigten sich die beiden Schwestern und räumten das Wohnzimmer, weil sie früh zu Bett gehen wollten. Jan blieb alleine vor dem Fernseher zurück, in dem eine Spielshow lief. Er schien großes Vergnügen an der Sendung zu finden und applaudierte jedes Mal, wenn der Kandidat einen weiteren Preis gewonnen hatte.

Damaris fiel in einen unruhigen Schlaf. Irgendwann schrak sie hoch. Das Zimmer lag in Dunkelheit, doch die phosphoreszierenden Ziffern auf ihrem altmodischen Wecker zeigten ihr, dass es erst kurz nach zehn war. Sie fühlte sich eigenartig angespannt, alle Sinne hellwach. Sie schwang die Füße über die Bettkante und suchte mit den Zehen nach ihren Pantoffeln. Dann schlüpfte sie in den fadenscheinigen Morgenmantel, ging zur Tür und öffnete sie leise. Sie streckte den Kopf in den Korridor und lauschte.

Dort war es wieder, ein Schrei, ein angstvolles Geräusch, nicht laut, sondern rau, verzweifelt, erfüllt von Angst und Grauen. Vielleicht hatte sie einen vorhergehenden Schrei bereits im Schlaf gehört, und das hatte sie geweckt. Er wurde gefolgt von einem scheppernden Aufprall eines schweren Objekts auf dem Boden und einem trommelnden Geräusch.

Damaris streckte die Hand nach dem Lichtschalter aus und stieg vorsichtig die Treppe hinunter nach unten. Die Wohnzimmertür stand offen, und sie konnte sehen, dass der Fernsehschirm immer noch geistlos flackerte. Der große Flur wurde am anderen Ende erhellt vom Licht aus der Küche, das durch die offene Tür fiel. Direkt neben der Tür, ein kleines Stück weit im Flur, lag ein zerbrochenes Glas, und ein Wasserfleck breitete sich aus. Was den Aufprall anging – es war der kleine Telefontisch gewesen, der umgestürzt auf der Seite lag, daneben das Telefon, der Hörer am Ende der Schnur auf dem Gesicht und stumm. Daneben lag Jan und wälzte sich am Boden.

Er lag auf dem Rücken und starrte sie aus hervorquellenden Augen an. Er hatte sich übergeben, und sein Mund war blutig. Er hatte die Lippen zurückgezogen wie ein wildes Tier, das die Zähne bleckt. Sein Gesicht war vor Schmerz und ungläubigem Schock verzerrt. Seine Hände waren in den ausgetretenen Teppich verkrallt, die Knie an den Leib gezogen, und Damaris erkannte, dass das trommelnde Geräusch von Jans Hacken auf dem hölzernen Dielenboden herrührte. Er schien sie zu erkennen, als sie sich über ihn beugte, und versuchte angstvoll zurückzuweichen. Er schien etwas sagen zu wollen, doch seine Zunge gehorchte ihm nicht.

»Damaris?«

Es war die Stimme ihrer Schwester von oben. Damaris eilte zurück und die Treppe hinauf. Florence durfte dies unter keinen Umständen sehen.

»Geh wieder zu Bett, Liebes. Du erkältest dich noch. Jan geht es nicht gut. Ich denke, ich werde einen Notarzt rufen.«

»Was ist denn los?« Florences graues Haar war zu einem dünnen Zopf geflochten, der über ihre Schulter hing. Sie hatte die Arme um den Leib geschlungen und schien in ihrem dünnen Nachthemd zu frieren.

»Ich weiß es nicht, aber der Notarzt wird sich um alles kümmern. Geh wieder zu Bett und schlaf, versprich mir das, Florence.« Sie schob ihre Schwester sanft vor sich her, während sie sprach, zurück in ihr Schlafzimmer, und schloss hinter der immer noch protestierenden Florence die Tür. Sie hoffte, dass Florence dort bleiben würde. Sie war immer eine fügsame Person gewesen. Damaris eilte zurück zu Jan und nahm die beiden Hälften des Telefons hoch. Ihr dämmerte, dass aus dem Hörer eigentlich ein Freizeichen kommen müsste. Sie legte ihn auf die Gabel zurück und hob ihn wieder ab, doch es gab immer noch kein Freizeichen. Damaris starrte den Apparat ratlos an. Dann glitt ihr Blick an der Schnur entlang zum Anschluss in der Wand, und sie sah, dass er herausgezogen war. Jan hatte den Stecker bei seinem Sturz herausgerissen. Sie stöpselte ihn wieder ein, und zu ihrer Erleichterung erhielt sie endlich das Freizeichen. Sie wählte die Notrufnummer und forderte einen Krankenwagen an. Man versprach ihr, dass der Notarzt innerhalb der nächsten Viertelstunde bei ihr wäre. Bis dahin sollte sie den Patienten in eine stabile Seitenlage bringen, wurde ihr mitgeteilt. Damaris legte den Hörer zurück, und weil der Telefontisch immer noch auf der Seite lag, schob sie das Telefon durch eine Lücke im Geländer und stellte es auf einer Treppenstufe ab. Sie kämpfte ihren Abscheu nieder und zwang sich, so lange an Jans hingestreckter Gestalt zu ziehen und zu zerren, bis sie ihn auf der Seite liegen hatte. Die Anstrengung raubte ihr den Atem und erschöpfte sie, doch sie würde Florence nicht um Hilfe rufen. Sie brachte Jan in die richtige Position mit zwei Telefonbüchern als Kopfstütze und zog sich dann am Treppengeländer hoch und auf die Beine. Für einen Augenblick spürte sie Befriedigung, weil sie es geschafft hatte, doch dann erkannte sie voll Abscheu, dass die Bewegung weitere Flüssigkeit aus seinem offenen Mund hatte treten lassen. Sein Gesicht war merkwürdig angelaufen, bläulich mit braunen Flecken. Damaris stieß einen Laut des Ekels aus und wich stolpernd zurück. Der Krankenwagen kam kurze Zeit später. Die Sanitäter, verblüfft von dem Anblick, der sich ihnen bot, arbeiteten rasch und effizient und wirkten – soweit das unter den gegebenen Umständen möglich war – beruhigend auf Damaris ein. Jan wurde auf eine Bahre geschnallt und in die Nacht davongefahren. Müde und erschöpft stieg Damaris die Treppe hinauf und ging zu Florences Zimmer, um ihr zu sagen, dass alles in Ordnung war und Jan in ein Krankenhaus gebracht worden wäre. Wahrscheinlich eher in die Leichenhalle eines Krankenhauses, dachte sie. Sie zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass sie seinen Todeskampf beobachtet hatte. Sie sagte Florence, dass sie nach unten gehen und Tee machen würde. Sie hatte zwar eigentlich keine Lust auf Tee, doch sie hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen. Auf dem Weg in die Küche sammelte sie die Scherben des zerbrochenen Glases auf. Sie stellte sich vor, dass Jan in die Küche gegangen war, um Wasser zu holen, doch bevor er es trinken konnte, hatte ihn seine Krankheit übermannt. Er hatte das Glas fallen lassen und war zum Telefon gestolpert in dem vergeblichen Bemühen, Hilfe zu holen. Es war nicht gut, die Scherben einfach liegen zu lassen. Die Küche sah groß, kalt und unfreundlich aus. Damaris zog sich den Morgenmantel enger um den Leib und suchte in einer Schublade nach einer Papiertüte. Sie wickelte die Glasscherben darin ein und legte sie vorsichtig in den Abfalleimer. Dann tappte sie zum Spülbecken, um den Kessel mit Wasser zu füllen.

»Wie kommt das denn hierhin?«, murmelte sie verwundert zu sich selbst. Unten im Spülbecken lag ein gewöhnliches Messer, dessen Schneide mit einer braunen, klebrigen Substanz verschmiert war. Hefeaufstrich!, dachte Damaris und wunderte sich, dass sie es übersehen hatte, als sie gemeinsam mit Florence den wenigen Abwasch vom Abendessen erledigt hatte. Während das Wasser im Kessel langsam heiß wurde, nahm sie Kehrblech und Handfeger und kehrte die verbliebenen kleinen Glassplitter draußen im Flur auf. Als sie damit fertig war, brachte sie Florence einen Tee und tat ihr Bestes, die Sorge um Jan zu verdrängen. Es fiel ihr nicht leicht, den Mann so einfach aus dem Gedächtnis zu streichen. Sie verließ das Zimmer ihrer Schwester wieder und blieb für einen Augenblick auf dem Gang stehen, dann wandte sie sich ab und ging in Richtung des Turmzimmers, wo Jan seit seiner Ankunft auf Fourways House wohnte und in das er, falls sie sich nicht irrte, so gut wie sicher nicht wieder zurückkehren würde. Auf der Schwelle zögerte Damaris einen Moment, doch dann trat sie ein und blickte sich um. William Oakleys gemaltes Porträt grinste sie sardonisch an. Er sah aus, als würde er triumphieren, und Damaris unterdrückte einen Anflug von aufsteigendem Ärger. Sie ging zur Kommode, schob Jans Haarbürste und Toilettenartikel – von denen er eine ganze Menge zu besitzen schien – beiseite, um das bestickte Baumwolldeckchen darunter hervorzuziehen. Damit ging sie zu dem Bild an der Wand, und nach einigen Versuchen gelang es ihr, das Tuch so über die Oberseite des Rahmens zu werfen, dass es hängen blieb und den grinsenden Mann darunter verdeckte.

»So«, sagte sie zufrieden, als sie fertig war.

»Damit wärst du schon einmal erledigt.«

KAPITEL 12

STANLEY HUXTABLE und der Mann von Reuters trafen sich am nächsten Morgen auf dem Bahnsteig wieder. Zusammen drängten sie sich in den überfüllten Frühzug nach Oxford. Die kurze Fahrt zur Stadt verging ohne Unterhaltung. Stanley hatte eine ruhelose Nacht verbracht und bedauerte die Pastete, die er zu Abend gegessen hatte. Er war sicher, dass sie verdorben gewesen war. Auch dem Mann von Reuters schien nicht nach Reden zumute, und er rülpste von Zeit zu Zeit diskret in sein Taschentuch. Als sie wieder ihre Plätze im Gerichtssaal eingenommen hatten, verdrängten beide ihre Verdauungsprobleme und konzentrierten sich auf den weiteren Verlauf des Verfahrens. Mr. Green, der kleine, pummelige Verteidiger, bereitete sich auf das Kreuzverhör von Mrs. Button vor. Mrs. Button ging gefasst in den Zeugenstand; sie verhielt sich bereits wie ein alter Hase. Stanley fragte sich, ob es seine Einbildung war oder ob die rotbraune Perücke tatsächlich ein wenig tiefer in ihrer Stirn saß als am Tag zuvor. Jedenfalls blickte sie wesentlich finsterer drein als gestern. Dinge wie diese konnten, so wusste Stanley aus Erfahrung, einen großen Unterschied machen, wie die Jury die Dinge aufnahm. Er blickte zu dem Angeklagten, William Oakley. Seine Haltung war die gleiche wie seit Beginn der Verhandlung, die eines hochmütigen Beobachters eines vulgären Spektakels. Der Mistkerl ist verdammt selbstsicher, dachte Stanley.

»Nun denn, Mrs. Button«, begann Mr. Green gut gelaunt das Kreuzverhör.

»Sind Sie noch immer in Mr. Oakleys Haushalt beschäftigt?« Mrs. Button schaffte es, zugleich empört und gekränkt dreinzublicken.

»Nein, Sir. Mr. Oakley hat mich keine zwei Wochen nach dem Tod der armen Mrs. Oakley entlassen.«

»Oh«, sagte Mr. Green bedeutungsvoll.

»Sie wurden also entlassen. Hat Mr. Oakley gesagt warum?« Mrs. Buttons Empörung wuchs.

»Nein, das hat er nicht! Er hat lediglich gesagt, ich sollte meine Sachen packen und er würde mir einen Monatslohn zahlen. Er war sehr gemein. Ich war völlig überrascht. Ich glaube, ich habe immer zu seiner Zufriedenheit gearbeitet. Und falls nicht, hat er es mir nie gesagt!« Mrs. Button beugte sich über den Rand des Zeugenstands und sagte heiser:

»Ich bin fest davon überzeugt, dass es sein schlechtes Gewissen war. Jedes Mal, wenn er mich sah, wurde er an seine arme sterbende Frau erinnert.«

»Ich wage zu sagen, dass dem so ist«, pflichtete Mr. Green ihr bei.

»Doch das kann seinen Grund durchaus auch in einer völlig verständlichen Trauer haben, meinen Sie nicht, und nicht in einem schlechten Gewissen?«

»Er hat nie um sie getrauert! Jedenfalls habe ich nie das geringste Zeichen von Trauer bei ihm bemerkt!«, schnappte Mrs. Button. Die rötliche Perücke arbeitete sich definitiv immer tiefer in ihre Stirn. Nicht mehr lange, dachte Stanley, und sie sieht aus wie ein Wachsoldat mit einer Bärenfellmütze. Mr. Green hatte die plumpen Tatzen gefaltet.

»Sie wissen, was Dr. Perkins gesagt hat? Dass er nichts Verdächtiges bemerkt hat, als er das Zimmer mit der traurigen Szene betrat? Nichts, was er sich nicht erklären konnte?« Mrs. Button sah nervös auf.

»Dr. Perkins hat nicht gesehen, was ich gesehen habe, oder? Er hat diesen Topf nicht gesehen und die anderen Teile. Und er hat diesen widerlichen Geruch nicht gerochen!« Sie war hübsch und sauber in Mr. Greens vorbereitete Falle getappt.

»Ah, ja«, gurrte er.

»Der Topf, die Metallstäbe und der Knoblauchgeruch. All diese Dinge haben Sie zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung zur Feststellung der Todesursache von Mrs. Oakley nicht erwähnt.« Mrs. Button blickte verunsichert drein und hatte zum ersten Mal keine Antwort parat.

»Die Zeugin muss antworten«, ordnete der Richter an. Mrs. Button riss sich zusammen.

»Ich war selbst in einem Schockzustand! Ich hatte etwas ganz Schreckliches gesehen, oder? Ich hatte meine fünf Sinne nicht recht beisammen. Ich habe erst viel später angefangen darüber nachzudenken, und dann fiel es mir wieder ein.« Mr. Green bohrte weiter.

»Ja, sehr viel später, Mrs. Button. Erst nachdem sie aus Mr. Oakleys Diensten entlassen worden waren! Erst dann sind Sie zu Mrs. Oakleys Eltern gegangen und haben diese Behauptungen vorgebracht bezüglich eines Geruchs nach Knoblauch, den niemand außer Ihnen bemerkt hat, sowie irgendwelcher merkwürdiger Bruchstücke, die ebenfalls niemand außer Ihnen gesehen hat.« Die Zeugin wurde von Sekunde zu Sekunde nervöser und blickte nun fast weinerlich drein.

»Ich habe sie gesehen, Sir!«

»Aber Sie haben nichts davon gesagt«, beharrte Mr. Green.

»Ich unterstelle Ihnen, Mrs. Button, dass Sie wütend waren über Ihre Entlassung und dass Sie zu Mrs. Oakleys Eltern gegangen sind, um sich wegen Ihrer Verärgerung über Ihren ehemaligen Arbeitgeber Luft zu machen und diese vollkommen haltlosen Behauptungen vorzubringen.« Die Tränen verschwanden von Mrs. Buttons Gesicht und wichen aufkeimendem Zorn.

»Das ist nicht wahr! Ich bin eine ehrliche Frau, das kann Ihnen jeder sagen! Ich habe geschworen, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen!«

»In der Tat, Sie stehen unter Eid, Mrs. Button«, gab Mr. Green zurück.

»Ich frage Sie erneut, warum haben Sie unerklärliche zwei Wochen gewartet, bevor Sie diese haltlosen Beschuldigungen erhoben haben?«

»Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen«, entgegnete die Zeugin mürrisch.

»Haltlos bedeutet, dass niemand außer Ihnen ausgesagt hat, dass er diese Dinge bemerkt hätte, und dass Sie nicht imstande sind, ihre Existenz zu beweisen.«

»Wie kann jemand anders diese Dinge bemerkt haben, wenn ich die Einzige in Mrs. Oakleys Zimmer war?«, platzte Mrs. Button hervor, und ihre Perücke rutschte langsam zu einer Seite. Wenigstens ein Mitglied der Jury, ein jüngerer Mann, hatte es bemerkt und verbarg mühsam ein Grinsen.

»Fragen Sie doch ihn!« Sie streckte die Hand aus und deutete auf William Oakley.

»Fragen Sie ihn, was er gemacht hat! Ich hab mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er mit Daisy Joss kokettiert hat, und ich habe dem Mädchen sehr deutlich meine Meinung diesbezüglich gesagt! Auch andere wissen, dass er etwas mit ihr hatte. Die arme Mrs. Oakley hat mir anvertraut, noch am Tag ihres Todes, dass sie beabsichtigte, Daisy am nächsten Morgen zu entlassen.« Mr. Green wusste, dass er die Peitsche in der Hand hatte.

»Mrs. Button, Sie können einfach behaupten, dass andere Bescheid wussten. Doch niemand außer Ihnen hat derartige Behauptungen in der Öffentlichkeit von sich gegeben!« Trotz ihres erregten Zustands hatte Mrs. Button bemerkt, dass ihre Perücke ins Rutschen geraten war. Sie hob eine Hand und schob sie wieder an ihren Platz zurück.

»Andere Bedienstete wissen es, doch sie haben Angst um ihre Anstellung und wollen nicht reden!« Sie spie die Worte trotzig hervor!

»Und was Gentlemen angeht, sie erzählen keine Geschichten übereinander, nicht wahr? Was nicht bedeuten muss, dass sie es nicht könnten!« Das gefiel dem Publikum. Mehrere Jury-Mitglieder lächelten. Doch Stanley schrieb in sein Notizbuch: Ich habe gesagt, dass sie auseinander genommen wird. Er schob dem Nachrichtenmann von Reuters das Buch hin, sodass dieser es lesen konnte.

»Beruhigen Sie sich, Mrs. Button«, sagte Mr. Green mit falscher Freundlichkeit. Er war unübersehbar in seinem Element.

»Kehren wir doch noch einmal zu dem fraglichen Abend zurück. Sie haben gesagt, Sie hätten gehört, wie Ihr Arbeitgeber kurz vor zehn Uhr zu Bett gegangen ist.« Die Zeugin bestätigte dies misstrauisch.

»Aber Sie selbst sind nicht vor elf zu Bett gegangen. Was haben Sie während dieser Stunde getan?«

»Meine Aufgaben erfüllt«, sagte Mrs. Button herablassend.

»Ich musste überprüfen, ob das Dienstmädchen das Geschirr ordentlich abgewaschen und nichts zerbrochen hatte. Ich habe dem Mädchen etwas Heißes zu trinken gemacht, weil es erkältet war. Einen heißen Zitronensaft mit Honig. Ich stand dabei, während sie ihn getrunken hat. Dann kam Mr. Watchett herein, der Gärtner, wegen des Gemüses. Ich habe eine Weile dagesessen und einen Speiseplan für die nächsten Mahlzeiten gemacht und der Waschfrau einen kurzen Brief geschrieben. Dann bin ich selbst zu Bett gegangen, oder jedenfalls wollte ich das …«

»Ja, ganz recht«, unterbrach Mr. Green ihren Redeschwall.

»Bleiben wir doch fürs Erste noch eine Weile in der Küche, ja? Um welche Zeit kam der Gärtner Watchett zu Ihnen?« Mrs. Button blickte unsicher drein und sagte, sie wüsste es nicht genau. Vielleicht so gegen halb zehn.

»Das erscheint mir recht spät«, sagte Green.

»Und wie lange ist er geblieben?«

»Eine halbe Stunde vielleicht, vielleicht auch etwas länger.« Mr. Green lächelte sie an, was sie noch nervöser zu machen schien.

»Um über das Gemüse zu sprechen? Ein faszinierendes Thema, dass es Sie beide so lange gefesselt hat. Haben Sie auch noch über andere Dinge gesprochen?« Zu spät merkte Mrs. Button, dass sie vorsichtiger hätte sein müssen.

»Ich habe mich nach Mrs. Watchett erkundigt, seiner Frau. Sie hat Probleme mit den Beinen, wissen Sie? Sie waren ganz schrecklich angeschwollen, voller Wasser, und der Arzt musste kommen, um es abzusaugen.«

»Also haben Sie mit dem Gärtner über das Gemüse und die Beine seiner Frau gesprochen, richtig? Haben Sie vielleicht auch über die Familie gesprochen, in deren Lohn und Brot Sie beide standen?« Mrs. Button ahnte sehr genau, woher der Wind wehte, und prompt antwortete sie:

»Selbstverständlich nicht, Sir! Ich schwatze nicht!« Doch Mr. Green hatte sie genau da, wo er sie haben wollte.

»Wenn Mr. Watchett um halb zehn eintraf, wie Sie diesem Gericht soeben erzählt haben, muss er wohl noch da gewesen sein, als Mr. Oakley zu Bett gegangen ist? Was Ihren Worten zufolge kurz vor zehn Uhr war?« Mrs. Button sagte, dass es wohl so sein müsse.

»Es muss wohl so sein?« Mr. Green ließ ihr nicht die kleinste Kleinigkeit durchgehen.

»Es muss tatsächlich so gewesen sein. Ich finde es mit Verlaub gesagt recht merkwürdig, Mrs. Button, dass Sie mitten in dieser lebhaften Unterhaltung über frisches Gartengemüse und Mrs. Watchetts Krankheit gehört haben wollen, wie Mr. Oakley nach oben gegangen ist.«

»Ich habe es jedenfalls gehört«, sagte Mrs. Button mürrisch.

»Und haben Sie es gegenüber Mr. Watchett erwähnt?«

»Das wäre möglich, Sir.«

»Und haben Sie vielleicht auch erwähnt«, fragte Mr. Green,»dass es ungewöhnlich früh war für Ihren Dienstherrn, um zu Bett zu gehen?« Mrs. Button räumte auch diese Möglichkeit ein. Mr. Green schwebte über ihr wie ein kleines, pelziges Raubtier, bereit, die scharfen Zähne in seine Beute zu versenken.

»Und haben Sie Mr. Watchett erzählt, dass Ihre Herrin unter großen Schmerzen litt, weil ihr ein Zahn gezogen worden war? Dass auch sie aus diesem Grund früh zu Bett gegangen war?«

»Ja, ich glaube, das habe ich«, sagte Mrs. Button vorsichtig. Doch es war offensichtlich, dass ihre Vorsicht zu spät kam, und sie schien es zu wissen.

»Aber nur, um ihm zu sagen, wie sehr die arme Mrs. Oakley unter Schmerzen litt.«

»Und dennoch behaupten Sie«, fuhr Mr. Green geschickt fort,»dass Sie nicht über die Familie ihres Arbeitgebers reden?«

»Das ist nicht fair, Sir!«, protestierte Mrs. Button aufgebracht.

»Hier geht es nicht um Fairness, gute Frau, sondern um Fakten«, wurde ihr beschieden.

»Nun dann, während Mr. Watchett also …« Taylor, der Anwalt der Krone, hatte ebenfalls bemerkt, dass die Dinge nicht nach seinem Geschmack liefen. Er äußerte würdevoll seinen Protest.

»Euer Ehren, die Verteidigung versucht, die Zeugin zu verwirren und ihr auf unverhohlene Weise Dinge in den Mund zu legen!« Der Richter hatte ebenfalls seine Zweifel.

»Ist diese Sache mit dem Gärtner relevant, Mr. Green?«, wollte er wissen.

»Das ist sie, Euer Ehren, sogar von äußerster Relevanz, wie ich gleich demonstrieren werde!«, entgegnete Mr. Green entschieden.

»Nun, dann demonstrieren Sie, aber rasch!«, ordnete der Richter an. Ein wenig gedämpft fuhr Mr. Green eilig fort:

»Mrs. Button, wir haben festgestellt, dass Sie und der Gärtner einen großen Teil des Abends in der Küche verbracht haben, nachdem Sie die Dienstmagd nach Hause und das kranke Hausmädchen zu Bett geschickt hatten. Haben Sie Ihrem Gast vielleicht etwas angeboten?«

»Er hat ein Stück von meinem Madeira-Kuchen gegessen«, sagte Mrs. Button mit einer Spur von Hochmut in der Stimme. Er kam geradewegs vor dem Fall.

»Sehr gut, Mrs. Button«, sagte Mr. Green.

»Und vielleicht auch noch ein Glas Madeira dazu?«

»Nein, Sir, es war Sherry«, verbesserte ihn Mrs. Button voreilig, um anschließend hastig die Lippen zusammenzupressen. Mr. Taylor hatte die Augen geschlossen und schien zu beten. Er konnte sehen, wie sein Fall den Boden unter den Füßen zu verlieren begann wie eine Sandburg am Meer, deren Fundament von der einsetzenden Flut hinweggespült wird.

»Sherry also!«, rief Mr. Green und wippte auf den Fußballen auf und ab.

»Aha! Sie und Watchett haben also den Sherry Ihres Dienstherren verköstigt, während Sie sich über das Gemüse und Mrs. Watchetts Beine unterhalten haben!«

»Es war der Küchensherry!«, protestierte Mrs. Button.

»Er ist normalerweise zum Backen.« Doch Mr. Green fuhr munter fort.

»Also nachdem Sie sich einige Zeit mit Mr. Watchett unterhalten und Sherry getrunken haben, ist der Gärtner nach Hause zu seiner kranken Frau gegangen und Sie begaben sich nach oben zu Bett. Ich nehme an, Mrs. Button, dass Sie zu diesem Zeitpunkt ein wenig angeheitert waren?«

»Wenn Sie damit sagen wollen, dass ich betrunken war«, rief Mrs. Button empört,»dann irren Sie sich! Ich habe nur ein einziges Glas getrunken!« Gelächter im Publikum, notierte Stanley Huxtable. Nachdem die Ordnung wiederhergestellt worden war, beugte er sich zu dem Mann von Reuters hinüber und flüsterte:

»Das war’s. Sie schulden mir ein Pint!«

KAPITEL 13

NACHDEM MARKBY von dem Fußballspiel und einem Abstecher zu der Familie seiner Schwester am Samstagabend nach Hause zurückgekehrt war, fand er Meredith in der Küche. Sie saß am Tisch, ein Glas Wein vor sich, und ihr Gesichtsausdruck war ungewöhnlich verschlossen und ärgerlich. Sie hatte die Lippen zusammengepresst, und hinter ihren Augenlidern verbarg sich der innere Aufruhr nur unvollkommen. Sein erster Impuls war die Frage, ob es vielleicht irgendetwas mit ihm zu tun hatte. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Hatte er sich verspätet? Hatte er versprochen, mit ihr irgendwohin auszugehen? Gütiger Gott, warum dachte er diese Gedanken? Genauso war es während seiner Ehe mit Rachel gewesen, als er Abend für Abend nach Hause gekommen war und ihm der Wind ins Gesicht gepeitscht hatte.

»Was ist los?«, fragte er vorsichtig.

»Nichts!«, antwortete sie automatisch.

»Warum sagen Frauen nur immer, dass nichts los sei, wenn es doch offensichtlich nicht stimmt? Hey, du sitzt vor einer Flasche Wein und starrst vor dich hin, ertränkst deine Sorgen …«

»Ein Glas!«, protestierte sie indigniert.

»Ich habe bloß ein einziges Glas getrunken, damit ich besser nachdenken kann!« Sie warf ihre dunkelbraunen Haare in den Nacken und gab sich unverkennbar Mühe, normal zu klingen.

»War das Spiel gut?«

»Mittelmäßig«, antwortete er.

»Paul hat sich gefreut – seine Mannschaft hat gewonnen. Hast du was dagegen, wenn ich dir Gesellschaft leiste?« Er nahm sich ein Glas aus dem Schrank und schenkte es voll.

»Prost!« Er hob es in ihre Richtung.

»Und jetzt erzähl mir, was dich bedrückt.«

»Ich will aber nicht!«, murmelte sie mit niedergeschlagenem Blick.

»Beichten ist gut für die Seele. So schlimm kann es doch wohl nicht sein, oder?«

»Du wirst es nicht glauben – ich habe mich heute Nachmittag zu einer kompletten Idiotin gemacht.«

»Was denn – warst du einkaufen und hast das falsche Kleid mitgenommen?« Er rechnete damit, dass sie seine Worte als Beleidigung auffasste, doch wenn er sie durch Fragen nicht zum Reden bringen konnte, dann musste er eben zu Tricks greifen. Wie erwartet, erwachte sie aus ihrem introvertierten Kokon.

»Tu mir einen Gefallen, Alan! Das ist mir schon oft genug passiert, aber ich brüte bestimmt nicht den ganzen restlichen Tag darüber! Ich hänge es hinten in den Kleiderschrank zu all den anderen schlechten Einkäufen und fertig. Ich meine genau das, was ich gesagt habe! Ich habe mich zur Närrin gemacht, zu einer absoluten und vollkommenen Närrin! Wie konnte ich nur so dumm sein? Ich hätte mich nie von Juliet dazu überreden lassen dürfen!«

»Aha«, sagte Markby und stellte sein Weinglas ab.

»Und wozu genau hat Juliet dich überredet?« Auf ihren blassen Wangen erschienen rote Flecken.

»Sie hat mich überredet. Jan Oakley zum Tee einzuladen und ihm Vernunft einzureden! Als wäre jemand dazu imstande!«, sagte Meredith zornig.

»Ich habe dir nichts davon erzählt, Alan, weil ich Bedenken wegen der ganzen Idee hatte und weil ich befürchtete, du würdest mich für verrückt erklären – völlig zu Recht. Auch wenn du selbst im The Feathers gesagt hast, dass Jan Oakley die Situation vielleicht nicht begriffen hätte, in der seine Cousinen sich befinden. Ich dachte, ich könnte es ihm erklären.«

»Was ist geschehen?«, fragte Alan geduldig. Sie verzog das Gesicht.

»Der Plan ist gründlich in die Hose gegangen, das ist geschehen! Ich habe ihn nach seinen Ansprüchen auf Fourways House gefragt, und er hat es als Unsinn abgetan! Er hat gesagt, er hätte keinerlei Absicht, Ansprüche geltend zu machen. Dann habe ich ihn gefragt, ob er immer noch einen Anteil am Verkaufserlös wollte, und er hat auch das bestritten! Er meinte, es wäre nett, wenn seine Cousinen so großzügig wären und ihm ein wenig Geld geben würden, doch er könne ihre Lage sehr wohl verstehen und würde keine Ansprüche stellen.«

»Das klingt«, sagte Markby,»als wäre er bereits zur Vernunft gekommen und als hättest du überhaupt nichts tun müssen.«

»Er war verschlagen, nicht vernünftig! Er nahm mir den Wind aus den Segeln, und ich hatte nichts mehr, worüber ich mit ihm reden konnte!« Düster fügte sie hinzu:

»Im Grunde genommen kann ich Juliet nicht mal einen Vorwurf machen. Ich wusste von Anfang an, dass es eine schlechte Idee war. Ich hätte meinem Gefühl folgen und mich rundweg weigern sollen, es zu tun!« Sie verstummte. Markby betrachtete sie nachdenklich. Es sah ihr nicht ähnlich, derart lange Wut in sich herumzutragen. Er füllte ihr Glas nach und fragte so beiläufig er konnte:

»Ist sonst noch etwas passiert?« Sie zuckte zusammen und verschüttete etwas von ihrem Wein.

»Nein. Was soll denn sonst noch passiert sein? Ich fühle mich wie eine Närrin, das ist alles. Es gefällt mir nicht. So was gefällt niemandem.«

»Zugegeben«, räumte er ein.

»Ich habe mich nur gefragt, ob Oakley vielleicht sonst noch etwas gesagt hat.«

»Nein, hat er nicht – weil ich ihn rausgeworfen habe!« Bei ihren letzten Worten schwang in ihrer Stimme unüberhörbar Befriedigung mit.

»War das nicht ein wenig drastisch? Wenn er sich so kooperativ gezeigt hat, wie du sagst, und in allen Punkten deiner Meinung war?« Sie errötete erneut.

»Ich meinte, ich habe ihn zur Tür gebracht. Er ist nicht lange geblieben. Ich erkannte, dass er zu verschlagen war, um eine vernünftige Unterhaltung mit ihm zu führen, also habe ich ihn in die Wüste geschickt, das ist alles!« Du bist eine elende Lügnerin, dachte Markby. Er konnte sich ziemlich genau denken, was passiert war. Oakley hatte sich ihr genähert. Wenn sie ihm nichts darüber erzählen wollte, konnte er nichts daran ändern. Er war verärgert, nicht durch ihr Unvermögen, sich ihm anzuvertrauen, sondern durch die Kombination von Elementen, die zur gegenwärtigen Situation geführt hatten: Juliets Bitte, mit Oakley zu reden, Merediths Einverständnis, und schließlich Oakleys Verhalten. Wenn er Oakley das nächste Mal begegnete, würde er ihm ein paar deutliche Worte zu sagen haben. Bis dahin jedoch …

»Um Himmels willen!«, sagte er.

»Halte dich fern von Juliet Painter! Sie hat nur noch Jan Oakley im Kopf und sonst nichts!« Merediths Gesichtsausdruck wurde verlegen.

»Ich habe sie angerufen – ich musste es tun. Sie hat auf meinen Bericht gewartet. Ich habe ihr gesagt, was Oakley mir erzählt hat. Sie glaubt …«

»Erzähl weiter«, sagte Markby resigniert.

»Was glaubt Juliet nun schon wieder?«

»Sie glaubt, dass Jan noch ein anderes Ass im Ärmel hat, einen Plan B. Deswegen behauptet er nicht länger offen, dass er Ansprüche auf Fourways House besitzt oder auf einen Teil des Verkaufserlöses. Er hat erkannt, dass er damit nicht weiterkommt. Sie glaubt nicht eine Sekunde lang, dass er aufgegeben hat.«

»Was auch immer Jan Oakley vorhat, wir werden es zu gegebener Zeit herausfinden«, sagte Markby zu ihr.

»Komm, wir gehen irgendwohin und genießen den Rest des Abends. Vergiss Oakley. Er ist es wirklich nicht wert, dass wir uns seinetwegen den Kopf zerbrechen.«

Manchmal kommen Worte zu uns zurück und verfolgen uns. Gewiss war dies Markbys erster Gedanke, als er am folgenden Montagmorgen in seinem Büro eintraf. Er war später dran als üblich, weil er noch eine Reihe privater Dinge zu erledigen gehabt hatte, und es war beinahe elf. Jeder Beamte, an dem er auf dem Weg zu seinem Büro vorbeikam, schien einen Becher Kaffee in der Hand zu halten.

»Irgendwas von Interesse passiert während des Wochenendes?«, erkundigte er sich bei Inspector Pearce, der kurz nach ihm auftauchte und in der Tür stehen blieb. Ein Fleck auf seinem Hemd verriet Markby, dass auch Pearce bereits seinen Kaffee gehabt hatte.

»Das Büro des Coroners hat angerufen«, antwortete Dave Pearce zögernd.

»Sie glauben, einen verdächtigen Todesfall zu haben. Der Bursche starb Samstagnacht im Hospital, wie es scheint an den Folgen einer Vergiftung. Dr. Fuller hat die Obduktion gleich heute Morgen um acht Uhr durchgeführt. Sie wissen ja, dass er gerne früh anfängt.«

Pearce sprach mit der Stimme eines Mannes, der bereits mehr als einmal zu dieser unchristlichen Zeit zur Arbeit gerufen worden war und dabeigestanden hatte, während Fuller seine Sezierung vornahm.

»Schaff sie auf den Tisch, schneid sie auf und schaff sie wieder aus dem Weg«, war Fullers Motto. Markby, der früher ebenfalls unter Fullers Vorliebe für Autopsien bei Anbruch der Morgendämmerung gelitten hatte, nickte mitfühlend.

»Dr. Fuller bestätigt den Verdacht auf Vergiftung, wenngleich er nicht sagen kann, um welches Gift es sich handelt. Er hat dem Büro des Coroners mitgeteilt, dass er zwar noch eine Bestätigung benötigt, andererseits jedoch glaubt, es wäre ein Fall für uns. Er hat Gewebeproben zu Dr: Painter geschickt, der sie weiter analysieren soll.«

»Das wird Geoffrey Painter freuen«, bemerkte Markby. Er hängte seine Barbourjacke an den Haken und drehte sich um.

»Gift, wie? Das ist zur Abwechslung mal etwas anderes. Merkwürdig, wir haben erst vor kurzem bei den Painters zu Hause über Giftmorde gesprochen. Wir haben uns darüber unterhalten, dass Gift als Mordwaffe sehr viel seltener geworden ist. Kennen wir den Namen des Opfers?«

Pearce konsultierte ein Blatt in seiner Hand.

»Ein junger Bursche namens Jan Oakley«, sagte er.

»Was?« Beim Klang der Stimme seines Vorgesetzten blickte Pearce erschrocken auf.

»Oakley, Sir, Jan Oakley. Er war ein polnischer Staatsangehöriger auf Besuch in England, was die Dinge komplizieren könnte. Er hat bei Verwandten in der Nähe von Bamford gewohnt, auf einem Anwesen namens Fourways House.«

»Kenne ich«, sagte Markby tonlos.

»Ich kenne – kannte – auch diesen Oakley.«

»O Mann!«, entfuhr es Pearce.

»Um es gelinde zu sagen, Dave, ganz genau. Was ist passiert?« Pearce legte das Blatt nervös auf den Schreibtisch vor seinen Chef.

»Wir haben bisher keine Einzelheiten, Sir, wie ich bereits sagte. Es begann mit einem Notruf am Samstagabend, und ein Krankenwagen wurde nach Fourways House geschickt. Die Anruferin war eine Miss Damaris Oakley, eine ältere Dame. Sie sagte, ein Gast in ihrem Haus wäre plötzlich krank geworden. Als der Notarzt eintraf, bemerkte er gleich, dass es schlimm aussah, doch er wollte die alte Dame nicht erschrecken. Der Kranke wurde auf dem schnellsten Weg ins Hospital gebracht, doch er war nicht mehr zu retten. Zehn Minuten nach der Einlieferung wurde er für tot erklärt. Eine Obduktion ist in einem solchen Fall obligatorisch, und die Ärzte im Krankenhaus meinten, es könne sich um eine Vergiftung handeln. Tut mir Leid, Sir, aber das sind im Augenblick alle Informationen, die ich aus dem Büro des Coroners erhalten habe. Ich glaube nicht, dass man dort mehr weiß. Wir warten alle auf die Ergebnisse von Dr. Fuller und Dr. Painter.« Markby überflog stirnrunzelnd das Blatt mit den mageren Informationen.

»War schon jemand draußen auf Fourways House?«

»Ich glaube, einer der Beamten des Coroners war dort, um die Bewohner – zwei alte Schwestern – wissen zu lassen, dass die Polizei eingeschaltet wurde. Ich wollte heute im Verlauf des Tages selbst hinfahren.« Markby erhob sich hinter dem Schreibtisch und nahm die Barbourjacke vom Haken. Während er sich hineinmühte, sagte er:

»Ich fahre besser selbst hin, Dave. Ich kenne die Oakley-Schwestern. Sie sind sehr alt und höchstwahrscheinlich sehr betroffen. Fahren Sie bitte nach London, zur Konsularabteilung der polnischen Botschaft. Wir müssen sie informieren, dass einer ihrer Staatsbürger gestorben ist. Fragen Sie, ob man Ihnen irgendetwas über Jan Oakley sagen kann. Sein Verhalten nach seinem Eintreffen in England war nicht gerade das, was man sich wünschen würde, und sein Hintergrund ist möglicherweise nicht ganz sauber. Wir werden all das überprüfen müssen, und es wird nicht leicht werden, Dave.«

»In Ordnung«, sagte Pearce.

»Es wird für Sie ebenfalls nicht leicht, Sir, habe ich Recht?«

»Dave, Sie erweisen sich heute Morgen als ein Meister der Untertreibung«, informierte Markby seinen Inspector.

Die Oakley-Schwestern boten ein Bild der Trauer, als Markby auf Fourways House eintraf. Damaris trug einen dunkelgrauen Rock und einen hellgrauen Pullover. Florence hatte einen tiefschwarzen Rock gefunden und ihn mit einem dunkelroten Pullover kombiniert. Sie saßen Seite an Seite auf dem abgewetzten Samtsofa, das früher einmal hellgrün gewesen und mit der Zeit zu einer golden-moosigen Farbe ausgeblichen war. Markby schätzte, dass das Möbelstück gut und gerne hundert Jahre alt war.

Genau wie auch alles andere im Salon – abgesehen von einem Fernsehgerät, das merkwürdig fehl am Platz erschien – aus der Vergangenheit stammte. Die elektrischen Lampen stammten, nach den Bakelitschaltern und den Fassungen zu urteilen, aus den Dreißigern, und aus den Wänden ragten sogar noch die Anschlussstutzen der Gaslampen aus einer noch früheren Periode. Die Oakleys hatten einfach in dem Haus weitergelebt, das ihnen von ihren Eltern vermacht worden war, hatten die gleichen Ornamente abgestaubt, die Zeit von der gleichen laut tickenden Kaminuhr abgelesen, die gleichen verblassten Vorhänge mit den abgewetzten Säumen am Abend zu- und am nächsten Morgen wieder aufgezogen. Nichts hatte sich verändert in all den Jahren seit Markbys Kindheit.

Markby erinnerte sich schmerzhaft an die Besuche auf Fourways House. Sie hatten in diesem Raum stattgefunden. Er war stets verängstigt gewesen, nicht zuletzt, weil der alte Mr. Oakley zu jener Zeit noch gelebt hatte und dabei gewesen war. Für den Knaben Alan war der alte Mann ein richtiger Methusalem gewesen. Er muss, schätzte der erwachsene Markby rasch, wenigstens im gleichen Alter gewesen sein wie seine Töchter heute, hoch in den Achtzigern. Er war ein Invalide gewesen und an einen Rollstuhl gefesselt, der neben dem altmodischen Gaskamin gestanden hatte. Das Gasfeuer brannte auch jetzt, auf der kleinstmöglichen Stufe. Sämtliche Zimmer, erinnerte sich Markby, waren mit ähnlichen Gasöfen ausgestattet. Es war die einzige Form von Heizung auf Fourways House. Die Feuer wurden angezündet, wenn jemand ein Zimmer betrat, und ausgedreht, sobald man es wieder verließ. Diese Art von Heizen trug nicht gerade dazu bei, die klamme, kalte Atmosphäre des Hauses zu vertreiben. Auch daran hatte sich seit Alans Kindheit nichts geändert.

Der alte Mr. Oakley hatte, obwohl er so nah am Feuer saß, stets eine helle, bunte Häkeldecke über den Knien gehabt. Seine Wirbelsäule war verkrümmt, sodass das Erste, was man von ihm zu sehen bekam, die rosige Haut seiner Glatze war. Seine Hände ruhten bewegungslos auf den Armlehnen des Rollstuhls, dünne, magere Hände mit braunen Flecken darauf, die aussahen wie Vogelklauen. Sobald man sich ihm näherte, blickte er unter schütteren weißen Augenbrauen hervor, und dieser Blick war es, der Markby am deutlichsten im Gedächtnis haften geblieben war. Und die Angst, die dieser alte, durchdringende, starre Blick in ihm hervorgerufen hatte. Nicht eine Spur von Wärme hatte darin gelegen, niemals. Kein Willkommen, kein Humor, keine Freundlichkeit gegenüber einem Kind, nichts außer einer grämlichen Miene angesichts der Tücke des Schicksals. Die Persönlichkeit des alten Mannes hatte den Raum erfüllt, und selbst als Kind hatte Markby gespürt, dass der Wille dieses alten Mannes das gesamte Haus beherrschte. Er bildete sich ein, selbst heute noch eine bedrückende Spur davon zu bemerken.

Die beiden Frauen nahmen seine Beileidsbezeugungen ohne erkennbare Gefühlsregung entgegen. Er fuhr fort, indem er ihnen erklärte, dass er für den Augenblick die Leitung der unausweichlichen Ermittlungen übernommen hatte. Bei dieser Nachricht zeigten sie die erste Reaktion. Sie entspannten sich sichtlich. Markbys Laune verschlechterte sich. Wenn sie glaubten, dass sie es deswegen leichter haben würden, waren sie einem Irrtum aufgesessen.

»Ich sollte Sie warnen«, sagte er.

»Ich werde den Fall möglicherweise nicht behalten. Ich, äh, kannte Ihren Cousin persönlich, und Meredith hat ihn mehrmals getroffen. Das bringt mich in eine schwierige Situation.«

»Oh, ich verstehe«, sagte Damaris.

»Wir sind trotzdem erleichtert, dass Sie den Fall leiten, Alan. Es ist sehr beruhigend, nicht wahr, Florence?«

»O ja«, sagte Florence.

»Ich habe ihn nicht mehr gesehen, wissen Sie, bevor er ins Krankenhaus gebracht wurde. Damaris hat mir davon erzählt. Ich bin ziemlich froh, dass ich ihn nicht ansehen musste, in diesem Zustand, meine ich. Aber meine Schwester musste alles allein machen, deswegen wünschte ich andererseits, sie hätte mich hinzugerufen.«

»Du hättest absolut nichts tun können, meine Liebe«, sagte ihre Schwester tröstend. Markby räusperte sich.

»Ich fürchte, ich komme nicht umhin, Ihnen beiden einige Fragen zu stellen. Andere Beamte werden kommen und Ihnen die gleichen Fragen stellen und noch eine Menge mehr. Ich schätze, Sie werden denken, dies sei nicht der geeignete Augenblick, um Sie damit zu belästigen, doch unglücklicherweise nimmt unsere Arbeit keine Rücksicht auf die Gefühle der Betroffenen.«

»Wir verstehen das sehr gut«, antwortete Damaris mit fester Stimme.

»Sie haben Ihre Arbeit zu erledigen, und es ist unsere Aufgabe, Ihnen dabei behilflich zu sein. Fragen Sie nur, Alan.«

»Wann haben Sie zum ersten Mal von der Existenz Jan Oakleys erfahren?«

»Ungefähr vor sechs Monaten«, berichtete Damaris. Sie warf einen Blick zu ihrer Schwester, die schweigend nickte.

»Wir haben niemandem etwas davon gesagt. Es mag Ihnen seltsam erscheinen, aber ich kann es erklären. Verstehen Sie, er war ein Nachfahre von Großvater William.« Unerwartet mischte sich Florence in die Unterhaltung.

»Unser Großvater war ein schrecklicher Mann. Viele hielten ihn für einen Mörder. Er wurde wegen des Mordes an seiner Frau vor Gericht gestellt, doch man sprach ihn aus Mangel an Beweisen frei.« Ihre Stimme klang hoch und nervös. Sie beugte sich vor, um ihre Worte zu betonen, dann lehnte sie sich abrupt wieder zurück, mit gerötetem Gesicht, als hätte man sie dabei ertappt, wie sie sich danebenbenahm. Markby dachte mitfühlend, dass sie sich wahrscheinlich genauso fühlte. Als hätte sie eine Grenze überschritten. Sie hatte mit ihm, einem Außenstehenden, über die Leiche im Keller der Familie gesprochen. Damaris’ nächste Worte bestätigten diesen Eindruck.

»Das ist richtig«, sagte die ältere Schwester ruhig.

»Es ist schwer zu verstehen für die Menschen heutzutage. Großvater William wurde praktisch aus dem Gedächtnis der Familie gelöscht. Heute wäre dies anders. Ich glaube, heute würde man alles, wie sagt man doch, heraushängen lassen? Heutzutage würde jemand wie unser Großvater seine Geschichte an die Boulevardpresse verkaufen und Geld damit verdienen. Zu unserer Zeit nannte man so etwas schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit waschen, und das tat man einfach nicht. Unser Großvater wurde niemals in diesem Haus erwähnt, und sein Porträt wurde in einem Lagerraum versteckt. Wir hätten es nicht gewagt, unsere Eltern nach ihm zu fragen.«

»Woher wussten Sie unter diesen Umständen von ihm und seinem angeblichen Verbrechen?«, erkundigte sich Markby neugierig.

»Andere Menschen haben es uns erzählt, nicht unsere Eltern«, sagte Damaris einfach.

»Früher oder später bekommt man diese Geschichten doch immer zu hören, ob man will oder nicht.« Stimmt, dachte Markby. Schlechte Nachrichten halten sich länger im Gedächtnis als gute.

»Hat Jan sich selbst eingeladen, oder haben Sie ihn gebeten zu kommen?«, fragte er.

»Wir haben ihn ganz bestimmt nicht eingeladen!«, begehrten die Schwestern unisono auf.

»Er hat einfach geschrieben«, fuhr Damaris fort,»und uns mitgeteilt, dass er kommen würde. Wir haben zurückgeschrieben und erklärt, dass wir beide in fortgeschrittenem Alter sind und unser Haushalt nicht auf die Bewirtung eines jungen Mannes eingerichtet ist. Wir befürchteten, dass es für alle Beteiligten peinlich werden könnte. Er reagierte überhaupt nicht darauf. Er hatte nicht die geringsten Manieren und hat überhaupt keine Rücksicht genommen. Er schrieb einfach zurück, dass wir uns keine Sorgen machen sollten, er würde uns nicht im Weg stehen. Pah!«

»Und er hat irgendwas von den Wurzeln seiner Familie geschrieben«, berichtete Florence,»dass er das Heim seiner Familie kennen lernen wollte und so weiter. Es war nicht das Heim seiner Familie! Es ist unser Heim!«

»Also kam er her«, fuhr Damaris fort.

»Wir mussten ihn aufnehmen. Wir wollten schließlich nicht voreingenommen erscheinen. Wie dem auch sei, es war ziemlich offensichtlich, dass er nur wenig Geld hatte, und wir konnten es uns nicht leisten, ihn in einem Hotel unterzubringen. Es war schlimm genug, dass wir Mrs. Forbes für seine Abendmahlzeiten Geld geben mussten. Wir drückten die Daumen und hofften inständig, dass er sich am Ende als besser erweisen würde, als wir befürchteten. Doch dies war ein Irrtum. Unsere Hoffnungen wurden enttäuscht. Wie sich herausstellte, war er ein ganz und gar vulgärer Mensch, richtig grässlich. Ständig nannte er mich ›meine liebe Cousine‹ und redete von seinem ›alten Zuhause‹. Dann war da diese Geschichte von dem angeblichen Testament, das unser Großvater verfasst hätte. Ich weiß, dass Laura Ihnen davon erzählt hat. Er wollte die Hälfte von dem Verkaufserlös, den das Haus bringen würde. Er hatte überhaupt kein Recht dazu, überhaupt nicht!« Aufrichtige Empörung blitzte in ihren Augen.

»Also mochten Sie ihn nicht, und er hat Ihnen Schwierigkeiten bereitet«, sagte Markby niedergeschlagen.

»Er war eine Bedrohung für Sie.«

»Wir mochten ihn überhaupt nicht, das ist richtig. Und er hat uns gleich vom ersten Augenblick an, an dem wir von ihm hörten, Sorgen und Schwierigkeiten bereitet. Allerdings«, fügte Damaris in einem Nachsatz hinzu,»haben wir ihn nicht umgebracht.« Es klang beinahe fröhlich. Markby tat, als hätte er es nicht bemerkt.

»Die Todesursache scheint Vergiftung zu sein«, sagte er.

»Im Augenblick behauptet niemand, dass es etwas anderes als ein Unfall gewesen ist. Trotzdem müssen wir den Grund dafür finden. Möglicherweise müssen wir das Haus durchsuchen.« Beide Schwestern sahen Markby erschrocken an.

»Was für ein Gift war es denn?«, fragte Florence schließlich mit zitternder Stimme.

»Das wissen wir ebenfalls noch nicht. Dr. Painter ist mit den Analysen beschäftigt. Deswegen muss ich Sie auch bitten, vorerst mit niemandem darüber zu sprechen.«

»Mit wem sollten wir darüber reden?«, protestierte Damaris empört.

»Wäre es möglich, einen Blick in das Gästezimmer zu werfen?«, fragte Markby.

»Selbstverständlich. Ich bringe Sie nach oben. Er hat im Turmzimmer gewohnt.«

»Ich bleibe hier«, sagte Florence.

»Ich mag dieses Zimmer nicht. Ich betrete es niemals. Es ist das Zimmer, in dem unsere Großmutter gestorben ist, die arme Cora, wissen Sie?« Markby, der aufgestanden und in Richtung Tür gegangen war, drehte sich überrascht zu ihr um.

»Cora Oakley? Das war ihr Zimmer?«

»Ja. Manche behaupten, dass es dort spukt. Es ist immer sehr kalt in diesem Zimmer, sogar im Sommer. Aber wir haben noch kein Gespenst gesehen, nie.«

»Natürlich nicht …«, murmelte Markby leise. Er folgte Damaris die knarrende alte Treppe hinauf, wobei er sich gründlich umsah. Juliet Painter hatte Fourways House sehr scharfsinnig beurteilt, was die Verkäuflichkeit anging. Es war in einem erbärmlichen Zustand. Abgesehen von den auf dem Putz verlegten elektrischen Leitungen, die ausnahmslos erneuert werden mussten, war das Dach offensichtlich undicht. Markby schnüffelte. Es roch nach Trockenfäule, Feuchtigkeit und Verfall. Er fragte sich, was Jan Oakley wohl gedacht hatte, als er das Haus zum ersten Mal betreten hatte.

»Hier ist es«, sagte Damaris schlicht und öffnete eine Tür. Markby betrat das Zimmer. Florence hatte Recht gehabt. Es war kalt in diesem Raum, obwohl draußen die Sonne schien. Eine Anzahl abgebrannter Streichhölzer auf dem Rost des Gaskamins deutete auf Jans Bemühungen hin, das Zimmer zu heizen. Auf dem Boden mitten im Raum lag ein alter blauroter türkischer Teppich. Der Boden zwischen Teppich und Wänden war bedeckt von altem, gerissenem Linoleum. Ein Messingbett an der Wand war ordentlich gemacht, wahrscheinlich von Jan selbst. Dazu gab es eine Schubladenkommode, einen altmodischen Waschtisch mit Marmorplatte, doch ohne Schüssel oder Wasserkrug, einen Sessel und einen großen Garderobenschrank, dazu gemacht, die Kleidung einer anderen Epoche aufzunehmen. Eine Frisierkommode passte nicht zum restlichen Mobiliar. Sie war nierenförmig und besaß vorne ein Kretonne-Furnier im Stil der 1940er Jahre. Markby vermutete, dass sie eigens für Jan aus irgendeinem anderen Zimmer herbeigeschafft worden war. Auf der Kommode stand und lag eine Vielzahl von Toilettenartikeln und Männerparfums. Markby nahm einen Flakon zur Hand und stellte fest, dass es eine teure Marke war. Vielleicht hatte Jan in Polen Schwarzmarktgeschäfte getätigt. Er blickte sich um. Damaris stand geduldig im Eingang und wartete. Er lächelte ihr verlegen zu und ging zum Schrank, um die Tür zu öffnen. Im Innern fand er eine magere Anzahl Kleidungsstücke. Er durchsuchte oberflächlich die Taschen und fand einen polnischen Pass, einen Ausweis, eines von jenen billigen Heiligenbildchen der Jungfrau Maria mit ein paar Gebetszeilen auf Polnisch darunter, ein wenig Wechselgeld und eine Börse mit englischen Banknoten, alles in allem etwa sechzig Pfund. Gut möglich, dass es alles war, was Jan besaß.

»Haben Sie etwas dagegen?«, fragte er Damaris.

»Ich müsste das alles mitnehmen. Ich gebe Ihnen selbstverständlich eine Quittung, und man wird es Ihnen zurückgeben.«

»Wir wollen es nicht«, sagte sie mit versteinerter Miene.

»Wir wollen nichts von alledem.« Markby wandte sich der Schubladenkommode zu. In der oberen linken Lade fand er Jans Rückflugticket nach Polen. Er hatte sich einen Monat Zeit gegeben, um seine Ziele zu erreichen. Wahrscheinlich hatte er geglaubt, dass seine Cousinen ihn nicht länger im Haus dulden würden. In einem verstärkten Briefumschlag von der Sorte, in der man Fotos per Post versandte, fand er ein altes Sepia-Porträt eines attraktiven Gentlemans mit der Hand auf der Schulter einer Frau, deren eng geschnürtes Korsett und seidenes Kleid die bäuerliche Herkunft nicht zu verbergen imstande waren. Ihre Gesichtszüge waren derb, ihr Blick scharf und frömmlerisch. Der Blick des Mannes hingegen war spöttisch und herausfordernd.

»Ich weiß, was du denkst«, sagte er zu dem Fotografen.

»Aber es ist mir gleichgültig. Ich habe, was ich wollte.« Seine Haltung, die Hand auf der Schulter der Frau, zeigte keine Liebe, sondern triumphierenden Besitz. In einer Ecke der steifen Fotografie war ein Stempel, einstmals wahrscheinlich golden, heute braun: Fotografien Hable, Krakau. Die restlichen Schubladen enthielten ein wenig Unterwäsche und ein paar Socken, sonst nichts. Jan war mit leichtem Gepäck gereist. Markby blickte nach oben und entdeckte den Rucksack, den Meredith bereits beschrieben hatte, auf dem oberen Brett des Schranks. Er zog ihn hervor und wirbelte damit eine kleine Staubwolke auf. Der Rucksack war leer bis auf eines jener kleinen versiegelten Frischtüchlein, die an Bord von Flugzeugen nach dem Essen an die Passagiere verteilt wurden. Alles in allem waren es die Habseligkeiten eines armen Mannes, der dennoch eitel genug war, um sich mit luxuriösen Toilettenartikeln zu pflegen und mehr dafür auszugeben, als er sich eigentlich leisten konnte. Es bestätigte, was Markby bereits vermutet hatte. Jan war keine Art von Mafioso gewesen. Jan war ein Mann gewesen auf der Suche nach seinem Glück, ein armer Mann, der sich eingebildet hatte, dass Reichtümer auf ihn warteten. Oder zumindest genügend Geld, um weitaus besser gestellt nach Polen zurückzufahren, als er es verlassen hatte. Markby blickte sich um. Er war fertig, bis auf eine letzte Sache. Eine merkwürdige Sache, ein Bild an der Wand über dem Kamin, verhängt mit einem spitzenbesetzten Stück Stoff. Markby sah zu Damaris.

»Darf ich?«, fragte er. Sie nickte. Markby ging zu dem Bild und zog den Stoff zur Seite. Das Bild zeigte einen Mann, in vollen Farben, die gleiche Person wie auf der Fotografie. Ein sardonischer Blick begegnete dem Betrachter, in einem attraktiven, wenig vertrauenerweckenden Gesicht. Mund und Kinn wirkten grausam. Es konnte sich nur um eine Person handeln.

»Ist das William Oakley auf diesem Porträt?«, fragte Markby.

»Das ist er«, sagte Damaris.

»Ich habe es für Jan hier aufgehängt.« Erneut dieser unerwartete Anflug von Amüsiertheit.

»Es war das Einzige im ganzen Haus, das ich ihm wahrscheinlich gerne gegeben hätte. Er hätte es haben und mit nach Polen nehmen können, mit dem größten Vergnügen!« Markby betrachtete das Gemälde eingehender. Williams linke Hand ruhte auf einem Buch. Hoffentlich nicht die Bibel, dachte Markby. Es wäre der Gipfel an Scheinheiligkeit gewesen. Es war nicht die Bibel. Was auch immer es sein mochte, der Titel war in knappen Strichen auf den Rücken gemalt. Markby blinzelte und buchstabierte langsam BR–D–––W.

»Bradshaw!«, rief er.

»Wussten Sie das?«, fragte er an Damaris gewandt.

»Die Hand Ihres Großvaters liegt auf einem alten Fahrplanbuch!«

»Tatsächlich?«, entgegnete Damaris.

»Ich hoffe, er hat es mitgenommen, als er Fourways House verließ. Er hat es sicherlich gut gebrauchen können!«

Markby trat ins Freie und atmete tief durch. Ihm war kalt geworden, und er war dankbar für die warme Mittagssonne auf seinem Gesicht. Das Innere von Fourways House war so bedrückend wie eh und je, oder vielleicht war es auch das Turmzimmer gewesen, das ihm so erschienen war. Er glaubte nicht an Gespenster, doch dieses Zimmer hatte definitiv eine Aura des Unglücklichen ausgestrahlt. Markby blickte sich auf dem Grundstück um.

Wie Juliet gesagt hatte, waren die Gärten in einem weit besseren Zustand als das Innere des Hauses. Die Rasenflächen waren gemäht, die Hecken geschnitten. Die Blumenbeete in der Nähe des Hauses waren frei von Unkraut. Markbys Gärtnerseele nahm all dies in sich auf. Eines Tages, dachte er sehnsüchtig, eines Tages werde ich auch so einen Garten haben. Im Augenblick war er beschränkt auf einen Patio und ein Gewächshaus, und er hatte kaum Zeit, sich um diese beiden zu kümmern.

Er machte sich auf eine Erkundungstour, und als er um eine Hecke bog, in die Zinnen geschnitten worden waren, fand er sich unerwartet einem älteren Mann in einem Cardigan, einer sauber gebügelten Hose sowie merkwürdig unpassenden Gummistiefeln gegenüber.

Für einen Augenblick starrten sie sich an. Dann verkündete der Mann:

»Gladstone!«

»Viktorianischer Premierminister«, konterte Markby prompt.

»Nein. Ich bin Gladstone!«, schnappte der andere.

»Ron Gladstone. Ich kümmere mich um die Gärten hier!«

»Ah, ja, natürlich. Ich gratuliere Ihnen. Es sieht fabelhaft aus.« Gladstone wirkte sichtlich geschmeichelt, dennoch fragte er in scharfem Ton:

»Und wer sind Sie?«

»Superintendent Markby.« Alan fischte entgegenkommend seinen Dienstausweis hervor und zeigte ihn. Der Gärtner nahm ihn und prüfte ihn eingehend, bevor er ihn zurückgab.

»Ich muss wissen, wer auf dem Grundstück herumläuft«, erklärte er schließlich.

»Hier treibt sich alles mögliche Gesindel herum, wissen Sie?«

»Tatsächlich?«, fragte Markby interessiert.

»Und was wollen diese Leute?«

»Die eine Hälfte ist einfach nur neugierig. Die andere Hälfte führt nichts Gutes im Schilde, wage ich zu behaupten! Ich habe diesen Newman schon ein paar Mal erwischt, wie er sich hier herumgedrückt hat.«

»Dudley Newman?«, fragte Markby überrascht. Der Mann war ein bekannter einheimischer Bauunternehmer.

»Ich kann mir denken, was er vorhat!«, sagte Ron säuerlich. Markby konnte es ebenfalls. Er blickte sich um und spürte, wie Verärgerung in ihm aufstieg. War es wirklich notwendig, alles zuzubauen? Zweifellos hatte Newman vom bevorstehenden Verkauf gehört und roch Profit. Falls er das Land billig erwerben konnte, würde er es mit kleinen, eintönigen Backsteinhäusern zupflastern.

»Es gibt kein Tor mehr, verstehen Sie?«, sagte Ron Gladstone.

»Manche Leute scheinen zu glauben, das hier wäre ein öffentlicher Park! Ich habe schon Leute getroffen, die ihre Hunde hier ausführen!« Das Gesicht des Gärtners lief bei der Erinnerung rot an.

»Erst vor ein paar Tagen habe ich eine Frau mit ihrem Pudel überrascht. Er hat sein Geschäft auf dem Rasen gemacht! Ich habe ihr ein paar passende Worte gesagt, das können Sie mir glauben! Ich habe ihr gesagt, dass sie sich packen und die Hinterlassenschaften ihres Hundes mitnehmen soll! Ich habe ihr eine Papiertüte und eine Schaufel in die Hand gedrückt und sie den Haufen aufsammeln lassen! Also wirklich, wissen Sie«, fuhr Gladstone in vertraulichem Ton fort,»diese Hundebesitzer sind manchmal ziemlich unverschämt! Aber da verstehe ich keinen Spaß, glauben Sie mir!«

»Völlig zu Recht«, pflichtete Markby ihm bei.

»Ich würde mir gerne den Garten ansehen, falls Sie keine Einwände haben.« Ron Gladstone war nur zu erfreut, Markby herumzuführen, und gemeinsam spazierten sie über den Rasen davon.

»Ich könnte noch eine ganze Menge mehr machen, wissen Sie, aber die alten Ladys wollen nicht. Sie sind sehr konservativ, was ihre Gärten angeht. Haben Sie diesen Schandfleck vor dem Haus bemerkt? Dieses Steinbecken mit der Statue darin?«

»Den Springbrunnen? Ja.«

»Es ist kein Springbrunnen, wenn er nicht funktioniert!«, protestierte Gladstone.

»Und er funktioniert nicht. Ich habe zu den Schwestern gesagt, dass ich ihnen einen hübschen neuen Springbrunnen bauen könnte. Einen kleinen Teich mit einer elektrischen Pumpe, die eine Fontäne erzeugt. Und wenn sie unbedingt ein fettes Baby in der Mitte wollten, hätten sie auch das haben können. Man kriegt sie in Gips oder besser noch Fiberglas. Das ist leichter sauber zu halten. Aber sie wollten nichts davon wissen!« Er schüttelte traurig den Kopf. Markby murmelte etwas Mitfühlendes, und sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Schließlich räusperte sich Gladstone.

»Ich kann nicht sagen, dass es mich überrascht hätte, Sie zu sehen. Die Polizei, meine ich.«

»Oh? Und wieso?«

»Jede Wette, dass es mit diesem Burschen zu tun hat, der sich Jan Oakley nennt, richtig? Schon merkwürdig, sein Tod, finden Sie nicht auch? Aber es überrascht mich nicht; er hatte nichts Gutes im Schilde geführt. Ich habe es gleich erkannt, als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. Ein eigenartiger Bursche. Ein wenig verrückt, wenn Sie mich fragen.« Markby fragte ihn.

»Wieso?«, schnaubte Gladstone.

»Weil er immer wieder betont hat, dass ihm ein Teil des Hauses gehören würde! Wie kann das sein?«

»Was macht Sie so sicher, dass er nichts Gutes im Schilde geführt hat?« Gladstone zögerte.

»Weil er herumgeschnüffelt hat. Tatsächlich würde ich Ihnen gerne mehr davon erzählen. Es hat mir keine Ruhe gelassen, wissen Sie? Und ich habe es nicht über mich gebracht, mit den beiden alten Ladys darüber zu reden, verstehen Sie? Ich wollte nicht, dass sie sich aufregen.«

»Na, dann erzählen Sie mal«, ermunterte Markby ihn. Sie waren bei einem baufälligen Steinhäuschen stehen geblieben, allem Anschein nach ein Pflanzhaus oder ein Schuppen. Ron räusperte sich und überlegte ein paar Sekunden, bevor er anfing.

»Es war an dem Tag, an dem er krank wurde und ins Krankenhaus gebracht wurde. Es war ein Samstag, und ich komme normalerweise am Wochenende nicht hierher, aber seit er aufgetaucht ist, war ich ständig unruhig, weil die beiden alten Ladys allein mit ihm waren. Am frühen Nachmittag gingen sie einkaufen. Kenny Joss kam vorbei wie immer und holte sie mit seinem Taxi ab. Er kommt regelmäßig einmal die Woche und bringt sie in die Stadt. Jedenfalls fuhren sie davon, und ich war allein im Garten. Zufällig war ich dabei, die Hecke am Tor zu schneiden, genau wo wir uns eben begegnet sind. Die Schere war stumpf, und ich brauchte etwas Öl …« Gladstone berichtete, wie er Jan durch das Fenster erspäht und heimlich dabei beobachtet hatte, wie er das Schloss des Schreibtischs geöffnet und den Inhalt durchstöbert hatte.

»Ich wollte die Ladys nicht beunruhigen, deswegen dachte ich, dass ich ein paar deutliche Worte mit diesem Burschen reden würde, sobald ich eine Gelegenheit dazu bekam. Man könnte sagen, dass sich diese Gelegenheit fast sofort bot, weil er kurze Zeit später den Weg hinunterkam. Er hatte sich schick gemacht, für seine Verhältnisse, und prahlte damit, dass er mit irgendeiner Frau zum Tee verabredet wäre. Wahrscheinlich alles erfunden. Wie dem auch sei, ich hatte mir noch nicht zurechtgelegt, was ich ihm sagen würde, also ließ ich ihn gehen. Habe ihn nicht lebend wiedergesehen, deswegen wurde mir die Mühe erspart, möchte ich fast sagen.«

»Also waren Sie nicht hier, als er zurückgekehrt ist?«, fragte Markby. Gladstone blinzelte und schüttelte entschieden den Kopf.

»Woran ist er denn gestorben?«, fragte er.

»Alkohol und Drogen, wie?«

»Wir haben noch keine Einzelheiten zu seiner Todesursache freigegeben. Wieso glauben Sie, dass es Alkohol und Drogen waren?«

»Weil es heutzutage allem Anschein nach immer so ist bei diesen jungen Leuten. Jedenfalls steht es in meiner Zeitung.« Markby wusste, dass er zurück ins Haus gehen und den Schwestern sofort erzählen sollte, dass Jan sich an ihren Unterlagen im Schreibtisch zu schaffen gemacht hatte. Es tat ihm Leid, weil er wusste, dass Gladstone Recht hatte und es sie aufregen würde, doch daran ließ sich nichts ändern. Er musste wissen, was Jan gesucht hatte – vorausgesetzt, dass er überhaupt nach etwas Bestimmtem gesucht hatte und nicht einfach nur neugierig gewesen war. Vielleicht hatte er nach etwas gesucht, das seine unerwarteten Ansprüche auf einen Teil des Hauses begründete? Zumindest würde die Meinung der Schwestern, was Jan anging, nicht darunter leiden. Ihre Meinung von ihm war bereits so gering, dass er nicht tiefer sinken konnte.

»Wie auch immer er gestorben sein mag, er ist kein Verlust für die Menschheit!«, sagte Ron Gladstone unbekümmert und fasste damit die allgemeine Ansicht über Jan Oakley treffend zusammen. Markby dankte ihm für seine Informationen und die Führung durch den Garten und machte sich auf den Rückweg zum Haus. Während er sich dem Gebäude näherte, sinnierte er, dass der beste Weg zum Haus durch die Gärten führte. Von hier aus betrachtet besaß es eine theatralische Aura mit seinen gotischen Fenstern und den aus Stein gemeißelten Wasserspeiern. Die Oakley-Schwestern waren überrascht, ihn so bald wiederzusehen und nahmen seine Erklärung mit einiger Bestürzung auf, obwohl sie ansonsten stoisch blieben. Damaris führte Markby ohne weitere Umschweife in das Arbeitszimmer. Während Damaris an ihrem Schlüsselbund nach dem passenden Schlüssel suchte, inspizierte Markby die staubigen Bücherregale. Ledergebundene Ausgaben der Klassiker wechselten mit Geschichten aus der Gegend ab, einst populäre Romane von längst vergessenen Schriftstellern, Reiseabenteuer aus der ganzen Welt, Abenteuer im Britischen Empire, gebundene Ausgaben des Strand Magazine und von Punch zusammen mit anderen, längst eingestellten Zeitschriften. Niemand hatte sie sortiert, und wahrscheinlich waren sie auch nicht katalogisiert. Gut möglich, dass sich einige Schätze darunter verbargen. Er erwähnte dies gegenüber Damaris. Wie erwartet, zeigte sie wenig Interesse.

»Ich bezweifle es, Alan. Das meiste davon ist altes Zeugs, das meinem Vater gehört hat. Er hat viel gelesen, und nachdem er an den Rollstuhl gefesselt war, noch mehr.« Sie hatte den benötigten Schlüssel gefunden und schob ihn nun in das Schloss des Rollladenschreibtischs.

»Dieser Schreibtisch hat meinem Großvater gehört – William. Dem Verursacher allen Ärgers! Seine Initialen sind darauf, hier sehen Sie? In Gold, ein wenig verblichen und abgewetzt, aber man kann sie noch erkennen. WPO – William Price Oakley. Es überrascht mich nicht im Geringsten, dass Jan versucht hat, hier herumzuschnüffeln! Es ist die Art von Verhalten, die ich von ihm erwartet hätte. Ich bezweifle, dass er irgendetwas von Interesse gefunden hat, es sei denn, er wollte alte Briefe lesen oder unsere Haushaltsrechnungen nachprüfen.« Die Rolllade fuhr mit knarrendem Protest nach oben.

»Es ist typisch für Ron Gladstone, die Dinge für sich zu behalten, aus Angst, wie könnten uns aufregen«, fuhr Damaris fort.

»Er ist ein herzensguter Mann, selbst wenn er abenteuerliche Ideen hat, was unseren Garten betrifft. Wir müssen ihn ständig in Schach halten, oder niemand weiß, was er dort draußen erschafft! Hat er Ihnen auch erzählt, dass er unbedingt einen Springbrunnen anlegen möchte?« Markby bejahte die Frage.

»Das sagt er jedem!«, krähte Damaris.

»So, da haben Sie’s.« Markby starrte auf das unübersichtliche Durcheinander, das sich unter der Rolllade verborgen hatte.

»Hat es so ausgesehen, als Sie den Schreibtisch das letzte Mal geöffnet hatten?«

»Mehr oder weniger«, sagte Damaris.

»Die Hälfte von diesem Zeugs könnte man sofort wegwerfen, aber Sie wissen ja selbst, wie das ist. Man packt einfach immer mehr hinzu.« Sie streckte die Hand nach einem abgegriffenen Bündel Briefen aus, die mit einem roten Band zusammengehalten wurden.

»Das sind die letzten Briefe meines Bruders Arthur. Meine Eltern haben sie aufbewahrt, und wir haben sie ebenfalls behalten. Aber wenn wir tot sind, wird sich niemand mehr dafür interessieren. Vielleicht sollte ich sie verbrennen.«

»Seien Sie nicht zu voreilig, Damaris«, drängte Markby sie.

»Manchmal sind alte Briefe für ein Museum von Interesse.« Es waren die falschen Worte. Damaris versteifte sich.

»Ich denke nicht, dass ich möchte, dass die Privatkorrespondenz unserer Familie in einem Museum für alle Welt zugänglich ist, nein danke!« Er deutete nicht darauf hin, dass Jan sie möglicherweise gelesen hatte. Stattdessen sagte er:

»Vielleicht könnten Sie überprüfen, ob irgendetwas fehlt oder ob er sich an irgendetwas zu schaffen gemacht hat?« Damaris zog einen Stuhl heran und starrte orientierungslos auf den Haufen Papiere.

»Nehmen Sie sich Zeit«, sagte er.

»Ich setze mich hierher und warte, wenn Sie nichts dagegen haben.« Er machte es sich auf dem Chesterfield bequem, so gut es ging, während Damaris methodisch die einzelnen Fächer durchging und hin und wieder pausierte, um etwas zu betrachten oder sich einfach nur Erinnerungen hinzugeben, die von den alten Papieren geweckt wurden. Schließlich war sie fertig. Sie hatte zwei längliche Umschläge auf die Seite gelegt, und nun wandte sie sich Markby zu und hielt ihm die Umschläge hin.

»Ich denke, er hat sich diese hier angesehen. Die Umschläge waren unverschlossen, und jetzt sind sie verschlossen. Er hat wahrscheinlich den Inhalt gelesen und dann die Umschläge verschlossen, damit er alles abstreiten konnte, falls wir ihn darauf angesprochen hätten.«

»Dürfte ich fragen, was diese Umschläge enthalten?« Markby erhob sich und trat zu ihr.

»Nur ganz allgemein, meine ich.«

»Ich habe keinerlei Einwände, und ich wage zu behaupten, dass auch Florence keine hätte. Sie enthalten unsere Testamente. Ihre Schwester hat sie vor einigen Jahren für uns verfasst. Sie sind sehr einfach gehalten, nichts von Interesse für Jan. Wir vermachen alles dem jeweils anderen Überlebenden von uns. Wenn ich zuerst sterbe, bekommt Florence alles. Falls Florence vor mir stirbt, erbe ich alles von ihr. Wir haben sonst niemanden.« Sie blickte auf, und auf ihrem Gesicht zeigten sich Zweifel.

»Das war doch sicherlich nicht von Interesse für Jan, oder? Schließlich hat er wohl kaum angenommen, dass wir unsere Testamente ändern würden, um ihn zu berücksichtigen?«

»Er mag vielleicht vorgehabt haben, Sie zu überreden … ja, ich halte es sogar für sehr wahrscheinlich. Dazu musste er zuerst herausfinden, wie die Testamente genau aussehen und wer alles bedacht wird – ob es sonst noch Nutznießer gab, die sich melden und protestieren würden, wenn Sie beide Ihre Testamente ändern. Ich wage zu behaupten, dass er sehr zufrieden war, als er nichts dergleichen feststellte, niemanden, der ihm im Weg gewesen wäre.« Markby spürte einen Anflug von Zerknirschung.

»Es tut mir Leid, wenn ich so über einen Verwandten von Ihnen spreche. Es macht die Dinge bestimmt nicht einfacher für Sie.«

»Sprechen Sie nur freiheraus«, antwortete Damaris. Sie legte die Umschläge in ihr Fach zurück.

»Ich zweifle nicht eine Sekunde daran, dass er selbstsüchtig und falsch war! Allerdings hätte er uns nicht dazu gebracht, unsere Testamente zu ändern, ganz bestimmt nicht!« Sie lächelte Markby an, ein breites, charmantes Lächeln, das ihm plötzlich bewusst machte, was für eine attraktive junge Frau sie einmal gewesen sein musste.

»Florence und ich können sehr halsstarrig sein, wissen Sie?«

KAPITEL 14

INSPECTOR JONATHAN Wood von der Bamforder Polizei war es gelungen, sich für den Rest der Woche mit seiner normalen Arbeit zu beschäftigen, und er war einmal mehr froh über die Tatsache, dass er ein einfacher Hüter des Gesetzes und kein Anwalt war. Jeden Abend kaufte er die Gazette und las die Berichte über die Verhandlung, niedergeschrieben von Stanley Huxtable. Die Verhandlung wurde inzwischen durch Verfahrensfragen immer wieder verzögert, verschlimmert noch durch die Tatsache, dass der Gärtner von Fourways, Watchett, nicht imstande war, die Bedeutung von Hörensagen zu erfassen. Er war schließlich vor Frustration ausfällig geworden und hatte gewaltsam aus dem Zeugenstand entfernt werden müssen. Das war bestimmt nicht gut für die Seite der Anklage gewesen. Polizeiarbeit erschien im Vergleich dazu geradezu simpel. Man suchte genügend Beweise zusammen, um den Halunken zu verhaften, und dann übergab man ihn der Justiz. Doch dann, ah, dann ging es erst richtig los. Jeder einzelne Beweis wurde mit mikroskopischer Akribie untersucht, und das technische Prozedere wurde mit einem extrem feinen Kamm durchsiebt. Als Polizist verbrachte man seine Nächte schlaflos mit immer wieder der gleichen Frage: Hätte ich sonst noch etwas tun können? Habe ich vielleicht etwas übersehen? Emily öffnete ihm die Tür, als er näher kam. Sie musste ihn vom Fenster aus beobachtet haben. Wie üblich nahm sie seinen Mantel, doch anstatt ihn aufzuhängen, stand sie mit dem Kleidungsstück im Arm dort und blickte ihn aufmerksam an, während er sie mit einer Maske aufgesetzter Fröhlichkeit anblickte.

»Nun«, fragte er munter.

»Was gibt es heute Abend Köstliches zu essen?«

»Schweinekoteletts«, lautete ihre Antwort.

»Und einen gedämpften Pudding.«

»Koteletts! Mein Lieblingsessen! Und einen Pudding noch dazu? Du verwöhnst mich, mein Liebes.« Er konnte ihr nichts vormachen. Er konnte ihr nie etwas vormachen. Doch sie schwieg – für den Augenblick wenigstens.

»Und warst du heute vor der Tür?«, fragte er sie.

»Beim Lebensmittelhändler, ja«, berichtete sie.

»Ich habe Tee gekauft.« Der Lebensmittelhändler war gleich an der Ecke, doch es war besser als nichts. Es war nicht richtig, dass sie eingesperrt wie eine Gefangene in diesem Haus lebte. Es war ungesund, und es konnte den Geist beeinträchtigen. Wood wurde von einem Bericht verfolgt, dem er einmal nachgegangen war. Nachbarn hatten bei der Polizei vorgebracht, dass eine Frau gefangen gehalten wurde. Als sie der Sache nachgegangen waren, hatte sich herausgestellt, dass der Fall in Wirklichkeit ganz anders und weitaus tragischer lag. Die arme Person war ein Opfer einer Geisteskrankheit gewesen und fürchtete sich, nach draußen zu gehen. Ihre Geisteskrankheit hatte einen Punkt erreicht, an dem sie nicht einmal mehr das Zimmer verlassen wollte, in dem sie lebte wie eine Einsiedlerin. Der Gestank in diesem Zimmer war unerträglich gewesen. Beim Vorschlag, es in Begleitung Woods zu verlassen, hatte sie angefangen, hysterisch zu schreien. Selbstverständlich war Emily nicht so. Sie war nicht verrückt. Doch irgendwo fing es immer an, und am Anfang war es immer harmlos.

»Ich bin froh, dass du vor der Tür warst, Liebes«, sagte er.

»Du kannst ein wenig frische Luft gut vertragen.« Sie waren beim Pudding angelangt, einer wunderbaren Kreation, leicht wie eine Feder und gefüllt mit Johannisbeeren. Emily stellte ihn voller Stolz auf den Tisch. Wood strahlte über das ganze Gesicht, als er nach dem Sirup griff.

»Ich hatte gehofft, dass du dich darüber freust«, sagte Emily.

»Du hast in letzter Zeit zu viel gearbeitet.«

»Und ich freue mich sehr darüber. Dieser Pudding würde einen Sterbenden dazu bringen, sich aufzusetzen und noch einmal darüber nachzudenken, ob er wirklich sterben möchte. Und nein, ich fühle mich gut.«

»Ich dachte, ich könnte am Montag auch zum Gericht fahren«, sagte Emily ruhig. Wood verschlug es die Sprache. Er lehnte sich zurück und stemmte den Löffelgriff auf die Tischdecke.

»Du möchtest nach Oxford fahren, mein Liebes?« Das war unglaublich.

»Wie denn? Alleine?«

»Ich habe mit Mrs. Holdsworth gesprochen. Sie möchte ebenfalls hinfahren und würde mich begleiten. Du hast doch nichts dagegen, oder? Ich denke, die Zugfahrt würde mir gefallen. Wir könnten im Zuschauerbereich sitzen, oder nicht?«

»Ja, natürlich, mein Liebes. Selbstverständlich habe ich nichts dagegen!« Mrs. Holdsworth war ihre Nachbarin, eine geschäftige, praktisch veranlagte Witwe, die Emily ein mütterliches Interesse entgegenbrachte und Emilys Vater ein Interesse ganz anderer Art. Wood hatte mit der Zeit ein gewisses Geschick entwickelt, ihre dauernden Avancen abzuwehren.

»Aber …« Wood wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte sich danach gesehnt, dass sie eines Tages das Haus verlassen und die Welt erforschen würde, sich weiter vom Haus entfernen würde als die paar Straßen ringsum – doch gleich zur Oakley-Verhandlung nach Oxford?

»Ich wusste gar nicht, dass sich Mrs. Holdsworth für spektakuläre Gerichtsfälle interessiert?«, fragte er schließlich übellaunig.

»Was auch immer ihre Gründe sein mögen«, erwiderte Emily mit gesenktem Blick,»mein Interesse ist nicht vulgäre Neugier. Es ist etwas anderes, das ich nicht erklären kann. Ich möchte ihn sehen. Ich möchte William Oakley sehen.« Der Pudding hatte mit einem Mal seinen Geschmack verloren. War die Faszination, die von Oakley ausging, so groß, dass Emily selbst auf diese Entfernung hin und aufgrund von Berichten aus zweiter Hand ihre Verlockung spürte?

»Es wäre möglich, dass du einige der Aussagen als sehr belastend empfindest, meine Tochter. Das gesamte Verfahren ist eine höchst unerfreuliche Angelegenheit, weißt du?« Insgeheim verfluchte Wood seine Nachbarin. Er war sicher, dass Mrs. Holdsworth seiner Tochter diese Idee eingepflanzt hatte.

»Werde ich etwa Dinge erfahren, von denen du mir noch nichts erzählt hast?« Damit hatte sie ihn in der Falle.

»Also schön«, sagte er resignierend.

»Dann fahr hin, wenn es sein muss.«

KAPITEL 15

DIE MEISTEN MENSCHEN sehen dem Montagmorgen mit gemischten Gefühlen entgegen. Früher hatte Meredith keine Probleme damit gehabt, wieder zu ihrer Arbeit nach London zurückzukehren, doch dies hatte sich geändert, seit es bedeutete, den ganzen Tag lang mit Adrian in einem Büro zu sitzen. Die Tatsache, dass er an diesem Montag besonders selbstgefällig dreinblickte, machte die Sache nicht gerade besser. Sie konnte nicht anders, als sich an Jans überhebliche und unangebrachte Art erinnert zu fühlen. Adrian war sogar höflich ihr gegenüber, wenn auch auf seine übliche herablassende Art. Vielleicht hatte er gehofft, dass Meredith sich nach der Ursache für seine ausnehmend gute Stimmung erkundigen würde, doch sie war nicht bereit, ihm diesen Wunsch zu erfüllen und ihrer Neugier nachzugeben. Stattdessen gab sie sich die größte erdenkliche Mühe, ihn zu ignorieren, auch wenn es ihr schwer fiel. Seine Gegenwart im Büro war wie eine Anstandsdame – Meredith konnte nichts tun, überhaupt nichts, ohne dass er es bemerkte. Sie spürte, wie ihr Stress immer stärker wurde. Kurz nach zwölf, als sie überlegte, ob sie vielleicht ein wenig früher in ihre Mittagspause gehen sollte, läutete ihr Telefon.

»Meredith? Hier ist Alan.«

»Oh, Alan!«, begrüßte sie ihn erleichtert, doch dann wurde ihr bewusst, dass seine Stimme genauso angespannt klang, wie sie sich fühlte. Ihre Freude verflog. Sie kürzte die Begrüßung ab, indem sie fragte:

»Stimmt etwas nicht?« Adrian begann in seiner Ecke umständlich Papiere zu sortieren, was ihr vermitteln sollte, dass er nicht lauschte. Marcel Marceau hätte überzeugender gewirkt. Leise sagte Alan an ihrem Ohr:

»Nur ein kurzer Anruf, um dir ein paar unerwartete Neuigkeiten zu überbringen. Ich fürchte, es sind keine guten.« Er zögerte einen Augenblick.

»Jan Oakley ist tot«, sagte er schließlich.

»Tot?«, rief Meredith erschrocken. Adrians Kopf ruckte in die Höhe.

»Aber … aber das ist unmöglich!« Sie starrte ungläubig auf den Hörer in ihrer Hand. Vor ihrem geistigen Auge erschien ein Bild von Jan, wie sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Die vollen Lippen zu einem arroganten Grinsen verzogen und die dunklen Augen blitzend vor Bosheit angesichts der Zurückweisung, die er von ihr empfangen hatte. Er hatte sich umgedreht und war gegangen. Was konnte ihm zugestoßen sein? Es musste sich um einen Irrtum handeln.

»Unglücklicherweise ist es aber so. Ich erzähle dir heute Abend mehr darüber. Bis dahin – falls sich Juliet Painter bei dir meldet, wimmle sie ab. Sie wird sich vielleicht mit dir treffen und über die Geschichte reden wollen – falls sie bereits davon gehört hat, und ich wage zu behaupten, dass sie davon gehört hat. Schließlich ist Geoffrey ihr Mann und mit der Analyse der Gewebeproben befasst. Ich halte es für keine gute Idee, wenn du heute schon mit ihr darüber redest, nicht bevor wir mehr herausgefunden haben.«

»Inwiefern ist Geoffrey damit befasst?«, gelang es Meredith mit einigermaßen gefasster Stimme zu fragen. Sie hatte Adrian den Rücken zugewandt, auch wenn sie zu ihrem Unbehagen spürte, dass er an jedem einzelnen ihrer Worte hing.

»Sieht nach Gift aus.« Das war ein Albtraum. Meredith schluckte, doch ihre Kehle war trocken, und jegliche Tünche von Normalität war aus ihrer Stimme gewichen.

»Du weißt, dass er am Samstag zum Tee bei mir war«, konnte sie sich selbst krächzen hören.

»Ich habe ihm einen selbstgebackenen Kuchen angeboten.«

»Ich bezweifle, dass es deine Kochkünste waren«, tröstete Alan sie.

»Wie reden heute Abend über diese Geschichte.« Meredith legte den Hörer auf die Gabel zurück und wandte sich um. Adrian hatte seinen Schreibtisch verlassen und stand nun hinter ihr.

»Schlimme Neuigkeiten?«, erkundigte er sich mit leuchtenden Augen.

»Eine überraschende Neuigkeit, aber nichts, weswegen Sie sich Sorgen machen müssten«, entgegnete sie brüsk.

»Familie?« Auf Adrians rosigem Gesicht zeigte sich nichts als schickliches Mitgefühl, doch er war sichtlich aufgeregt und platzte vor Neugier.

»Nein, nichts dergleichen. Es ist schon gut, Adrian. Nichts, weswegen Sie sich den Kopf zerbrechen müssten.« Meredith nahm ihre Handtasche auf.

»Ich gehe in die Mittagspause.« Sie ließ ihn stehen, und er starrte frustriert hinter ihr her. Die Kantine war noch ziemlich leer. Meredith blickte sich suchend um und erspähte ein vertrautes Gesicht aus der Konsularabteilung. Sie trug ihr Tablett zu seinem Tisch und fragte:

»Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

»Sicher«, lautete die freundliche Antwort. Er deutete mit dem Messer auf den freien Platz ihm gegenüber.

»Nehmen Sie Platz.« Meredith setzte sich und machte sich über ihre Spiegeleier auf Toast her.

»Mike, Sie arbeiten doch in der OsteuropaAbteilung, richtig? Polen gehört zu Ihrem Gebiet. Ich frage mich, ob Sie vielleicht etwas für mich überprüfen könnten?«

»Kein Problem, Meredith. Was denn genau?« Mike kaute weiter, während er redete.

»Ich würde gerne wissen, ob unsere Botschaft in Warschau etwas über einen gewissen Jan Oakley hat. Er schreibt sich O-A-K-L-E-Y. Er ist ein polnischer Staatsbürger britischer Abstammung.«

»Ich überprüfe das gleich nach dem Essen. Warum interessieren Sie sich für ihn?«

»Ich – ich habe ihn in Bamford kennen gelernt. Ich bin einfach neugierig.« Mike sah ihr in die Augen.

»Einfach neugierig? Oder glauben Sie vielleicht eher, dass er nicht ganz einwandfrei ist?«

»Was auch immer, es ist vorbei. Er ist nämlich tot.«

»Herrgott im Himmel, doch wohl nicht wieder einer von Ihren Morden?« Es gelang ihm, Erstaunen und eine gehörige Portion erwachter Neugier zu kombinieren.

»Sie müssen es nicht so sagen, als wäre ich eine Serienmörderin! Es ist reiner Zufall, dass ich immer wieder in diese Geschichten verwickelt werde, weil … Hören Sie, ich weiß nicht, ob er ermordet wurde oder nicht, und das ist die Wahrheit. Er ist gerade erst gestorben. Ich möchte vorgewarnt oder wenigstens vorbereitet sein, ich weiß nicht genau. Ich mag keine hässlichen Überraschungen, und ich hatte gerade erst eine.«

»Wo wir gerade dabei sind«, murmelte Mike,»wie kommen Sie mit diesem neuen Burschen in Ihrem Büro aus?« Nachdem sie zugegeben hatte, dass sie nicht sonderlich gut mit Adrian zurechtkam, fuhr er fort:

»Dachte ich mir doch. Ich habe mit jemandem geredet, der vor ein paar Jahren im Mittleren Osten mit ihm zusammengearbeitet hat. Adrian hat sich bei seinen Kollegen nicht gerade beliebt gemacht. Sie sollten sich in Acht nehmen, Meredith. Wie es heißt, gehört er nicht gerade zu den Menschen, denen man etwas anvertrauen kann.«

»Glauben Sie mir, Mike, das habe ich ganz bestimmt nicht vor!«, lautete Merediths aus tiefstem Herzen empfundene Antwort.

»Er hat sich ringsum über Sie erkundigt, wussten Sie das?«

»Was? Nein, das wusste ich nicht.«

»Er hat von Ihren Sherlock-Holmes-Eskapaden gehört. Wenn Sie wieder in irgendwas verwickelt sind, dann erzählen Sie es ihm um Gottes willen nicht!«

Genau wie Alan vermutet hatte, rief Juliet am frühen Nachmittag bei Meredith im Büro an. Sie schlug vor, sich nach Feierabend mit Meredith zu treffen und in einem Pub über die Neuigkeiten zu reden.

»Ich muss wirklich dringend nach Hause«, antwortete Meredith.

»Können wir das nicht auf einen anderen Tag verschieben?«

»Jan ist aber heute tot!«, schnappte Juliet.

»Wir müssen uns rasch etwas einfallen lassen! Können Sie sich nicht vorstellen, wie es Florence und Damaris gehen muss?«

»Es ist Sache der Polizei.« Meredith flüchtete sich in Verfahrensvorschriften.

»Die Polizei wird uns alle vernehmen wollen, und ich halte es für keine gute Idee, wenn wir schon vorher darüber reden.«

»Unsinn! Jetzt ist ganz genau der richtige Zeitpunkt, um miteinander darüber zu reden. Hören Sie, Meredith, ich bitte Sie doch nur um eine halbe Stunde! Hat jemand Ihnen befohlen, nicht mit mir darüber zu reden? War es Alan? Er kann seinen Lakaien Befehle erteilen, aber nicht uns Zivilisten! Sie können immer noch reden, mit wem Sie wollen!«

Die Andeutung, dass sie Befehlen gehorchen könnte, ging Meredith gegen den Strich. Eine halbe Stunde konnte nicht schaden. Sie würde aufpassen, was sie sagte.

»In der Nähe des Bahnhofs gibt es ein Pub – das Duke of Wellington. Wir treffen uns dort.«

»Was hat das denn alles zu bedeuten?«, kam Adrians Stimme von dem anderen Schreibtisch, als Meredith den Hörer aufgelegt hatte.

»Sind Sie in irgendeine schlimme Geschichte verwickelt?«

Meredith bedachte ihn mit einem eisigen Blick – doch es war mehr erforderlich als Blicke, um seine Nase aus ihren Angelegenheiten zu halten.

Unglücklicherweise erschien Mike an diesem Nachmittag in der Tür, gerade als sie zusammenpackte, um Feierabend zu machen. Noch unglücklicher war die Tatsache, dass Adrian in diesem Augenblick an einem Aktenschrank hinter der offenen Tür hantierte und Mike ihn nicht sehen konnte.

»Dieser Oakley, nach dem Sie gefragt haben …«, begann Mike. Verdammt!, dachte Meredith. Ich hätte Mike bitten sollen, mich unter vier Augen zu unterrichten! Sie sprang auf, um ihn nach draußen auf den Gang zu schieben, doch sie war nicht schnell genug.

»Vor ungefähr achtzehn Monaten hat er einen Antrag auf einen britischen Pass gestellt, doch wie sich dann herausstellte, besaß er keinen Anspruch auf die britische Staatsangehörigkeit. Als Nächstes kam er mit einer Story von wegen irgendeines Testaments und eines Vermögens, das nur darauf wartete, dass er nach England fahren und es in Besitz nehmen würde. Man beschied ihm zu gehen und sich einen Anwalt zu nehmen. Er muss den Eindruck erweckt haben, als hätte er ein paar Schrauben locker. Ist es das, was Sie wissen wollten?«

»Danke, Mike. Rein persönliche Neugier, weiter nichts, wissen Sie?« Sie verdrehte die Augen in Richtung Adrians, der immer noch unsichtbar für Mike hinter der Tür verharrte. Endlich begriff Mike. Er bedachte Meredith mit einem zerknirschten Blick und formte lautlos mit den Lippen das Wort

»Entschuldigung!«.

»Wer ist Oakley?« Adrian kam hinter der Tür hervor, sobald Mike gegangen war.

»Niemand Wichtiges. Adrian, könnten Sie sich vielleicht um Ihre eigenen Angelegenheiten kümmern?« Er bedachte sie mit einem überraschend niederträchtigen Blick.

»Ich hoffe doch, Sie holen nicht irgendwelche Kastanien für Ihren Polizistenfreund aus dem Feuer?« Die Boshaftigkeit in seiner Stimme brachte ein Dutzend Alarmglocken zum Schrillen, doch es gelang Meredith, einigermaßen verblüfft dreinzublicken.

»Gütiger Gott, wie kommen Sie denn auf diese Idee?« Er verzog den Mund zu einem unangenehmen Grinsen, und für einen Moment fühlte sich Meredith ganz stark an den toten Jan Oakley erinnert.

Juliet erwartete sie bereits im Pub. Sie saß in einer Ecke und nippte an einem Glas Gin Tonic. Ein Stadttyp an der Bar beobachtete sie und plante eindeutig einen Annäherungsversuch. Als er sah, dass Meredith hinzukam, änderte er seine Meinung und richtete seine Aufmerksamkeit auf das Mädchen hinter der Theke. Meredith ließ ihre Aktentasche auf die mit Lederimitat bezogene Sitzbank fallen und stellte zur gleichen Zeit ihr Glas mit Weißwein ab, ohne etwas zu verschütten. Befriedigt über diesen kleinen Erfolg nahm sie Platz.

»Hier bin ich, wie vereinbart. Aber Sie wissen wahrscheinlich mehr über diese Geschichte als ich, Juliet. Ich weiß nur, dass er tot ist, mehr nicht, vermutlich vergiftet.«

Das Pub füllte sich mit Leuten, die noch schnell ein halbes Pint tranken, bevor sie nach Hause gingen. Wenigstens konnte angesichts so vieler durcheinander redender Stimmen niemand ihre Unterhaltung belauschen.

»Hat die Polizei dieses Testament von William Oakley gefunden?«, fragte Juliet.

»Woher soll ich das wissen?« Alan hatte Recht gehabt. Dieses Treffen war keine gute Idee. Die Leute glaubten immer, Meredith hätte genauso viele Informationen wie die Polizei. Mehr noch, sie waren überzeugt, sie könnten Meredith überreden, diese Informationen weiterzugeben. Niemand gab sich je damit zufrieden, dass Meredith nichts wusste und, falls doch, nichts verraten würde. Juliet trommelte ungeduldig mit den magentafarben lackierten Fingernägeln auf die Tischplatte.

»Vielleicht existiert es ja gar nicht. Vielleicht hat es nie ein Testament gegeben. Vielleicht ist die ganze Geschichte ein geschickt eingefädelter Betrug!« Sie klang hoffnungsvoll.

»Jeder konnte gleich sehen, dass er ein Gauner war. Sie stimmen mir doch darin zu, oder nicht?« Meredith biss sich auf die Lippe. Falls Mikes Informationen zutreffend waren, hatte Jan behauptet, dass ein polnisches Testament William Oakleys existierte, lange bevor er nach England gekommen war. Natürlich konnte das auch ein Teil seines Plans gewesen sein. Trotzdem musterte Meredith ihr Gegenüber neugierig.

»Sie haben es nicht gesehen?« Juliet schüttelte den Kopf.

»Nicht das Original jedenfalls. Er hat uns etwas gezeigt, von dem er behauptete, es handele sich um eine beglaubigte Übersetzung. Laura hat eine Kopie davon gezogen, doch sie meinte, ohne das Original könnten wir nicht sicher sein, dass es tatsächlich existiert. Ich habe Jan selbstverständlich aufgefordert, das Original zu zeigen, doch er meinte, es sei in Polen bei seinen Anwälten. Wenn Sie mich fragen, hatte er entweder Angst, es aus der Hand zu geben, oder er wollte verhindern, dass irgendjemand einen zu genauen Blick darauf wirft. Vorausgesetzt natürlich, es gibt überhaupt ein Original. Er beharrte darauf, dass er es vorlegen würde, wenn der Zeitpunkt gekommen sei – seine eigenen Worte.« Sie hörte mit dem irritierenden Trommeln auf der Tischplatte auf und blickte Meredith an.

»Er wurde ermordet«, sagte sie abrupt.

»Niemand hat es gesagt, niemand hat dieses Wort bisher laut ausgesprochen – aber er wurde ermordet, ganz bestimmt. Sie werden sehen.«

»Wenn er wegen dieses Testaments ermordet wurde«, antwortete Meredith vorsichtig,»dann spielt es eigentlich keine Rolle mehr, ob es tatsächlich existiert hat oder nicht. Es reicht, wenn jemand geglaubt hat, dass es existiert.«

»Sie meinen Damaris, Florence und mich, nicht wahr? Wir sind diejenigen, die mit dem Verkauf von Fourways House zu tun haben. Nun, ich habe diese kleine Ratte nicht vergiftet, und ich bin mir so sicher wie das Amen in der Kirche, dass es auch keine der beiden Oakley-Schwestern war!«

»Es muss nicht unbedingt irgendetwas mit dem Testament zu tun gehabt haben«, sagte Meredith.

»Wir wissen nicht, in welche dunklen Geschäfte Jan Oakley sonst noch verwickelt war.«

»Ich glaube jedenfalls gerne, dass er bis zum Hals in irgendwelchen Schwindeleien gesteckt hat«, lautete Juliets Antwort.

»Aber wie sollen wir das herausfinden? Soweit wir wissen, könnte er auch von der Mafia zum Schweigen gebracht worden sein.«

»Ich denke, die Mafia erschießt die Leute eher, als dass sie sie vergiftet. Es ist direkter als Gift, und man hat ein augenblickliches Ergebnis. Ich frage mich, womit Jan vergiftet worden ist?«, sinnierte Meredith.

»Und wie man ihm das Gift verabreicht hat. Geoffrey arbeitet in seinem Labor daran.« Es war lächerlich, wegen des Kuchens Schuldgefühle zu entwickeln. Meredith hatte selbst davon gegessen, und ihr war nicht einmal übel gewesen. Sie nahm ihre Aktentasche auf.

»Ich muss jetzt wirklich los, oder ich kriege keinen Sitzplatz mehr im Zug.« Sie starrte einen Augenblick in die Ferne, und ein Bild stieg ihr in den Kopf.

»Ich habe Jan im Zug kennen gelernt, wissen Sie? Im Zug nach Bamford. Ich kann nicht anders, er tut mir ein wenig Leid, jetzt, wenn ich an ihn denke. Er war so … so glücklich, hier zu sein und das Haus zu sehen.«

»Wie kann Ihnen jemand Leid tun, der nicht nur im Leben Scherereien verursacht hat, sondern jetzt, wo er tot ist, noch viel mehr? Sie werden mir erzählen, wenn Alan etwas Neues herausgefunden hat?«

»Wenn Sie wissen wollen, welche Fortschritte die Polizei macht, dann lesen Sie die Zeitungen oder fragen Sie Alan selbst«, erwiderte Meredith ungehalten.

»Das werde ich«, sagte Juliet.

»Keine Sorge, das werde ich.«

Markby wusste nicht, dass Meredith zusammen mit Juliet Painter in einem Pub saß; er hatte andere Sorgen im Kopf. Ungefähr um die gleiche Zeit, als die beiden Frauen sich unterhielten, traf er beim Leichenbeschauer ein.

Der Anruf war spät am Nachmittag erfolgt. Dr. Fullers Sekretärin hatte gefragt, ob es möglich sei, dass Superintendent Markby vorbeikäme. Sie schaffte es, dass es wie eine Einladung zu einer fröhlichen Runde klang. Markby wusste es besser.

»Jetzt?«, fragte er mit einem erstaunten Blick auf seine Uhr. Fuller war bekannt als ein Mann mit vielen familiären Verpflichtungen, die sich um seine drei talentierten, schwierigen Töchter drehten. Jeden Tag nach Feierabend hetzte er zu Schulkonzerten oder Aufführungen in Kirchensälen, und die meisten Kollegen hatten die Erfahrung machen müssen, dass der Versuch, Dr. Fuller nach vier Uhr nachmittags zu erreichen, zu einer sehr gereizten Antwort führte. Fuller hatte seinen frühen Arbeitsbeginn extra so eingerichtet, dass er am Ende des Tages früh Schluss machen konnte. Was war so dringend, dass es zwischen Fuller und die jüngste Konzertaufführung kommen konnte?

»Er wartet auf Sie«, sagte die Sekretärin. Sie schien zu wissen, dass dieser Vorgang unerhört war, und fügte wie zur Entschuldigung hinzu:

»Es ist sehr wichtig, Sir. Dr. Painter ist ebenfalls hier.«

Markby sagte ihr, dass er in Kürze dort sein würde, und legte den Hörer zurück. Es musste um Jan Oakley gehen – doch warum schickte Fuller ihm keinen schriftlichen Bericht wie üblich? Was war so dringend an dieser Sache?

Mit düsteren Vorahnungen machte er sich auf den Weg. Wenn es einen Aspekt an diesem Fall gab, den er weniger mochte als alles andere, dann war es der Besuch beim Leichenbeschauer. Damals, als es zu seinen Aufgaben gehört hatte, war das verständlich gewesen. Heute hatte er diese wenig beneidenswerte Aufgabe an andere delegiert. Trotzdem fühlte er immer noch Unbehagen, wenn er in die Nähe des Leichenschauhauses kam. Er wusste, dass er inzwischen an den Anblick zerschnittener Leichen und abscheulicher Einzelteile in Einmachgläsern gewöhnt sein müsste. Doch er hatte sich nie daran gewöhnt und würde es niemals tun. Er konnte nicht anders, als die traurigen menschlichen Überreste als Individuen zu betrachten. Er hoffte, dass es immer so bleiben würde. Wenn sie erst aufhörten, echte Personen für ihn zu sein, dann war es an der Zeit, in den Ruhestand zu gehen.

Fuller war ganz und gar nicht sein übliches gut gelauntes Selbst, und was Geoffrey Painter anging, so hatte Markby ihn noch nie so betreten gesehen.

»Gut, dass Sie noch gekommen sind, Alan«, begrüßte er Markby und schüttelte ihm die Hand.

»Es hätte zwar warten können bis morgen, aber ich hielt es für das Beste, wenn … unter den gegebenen Umständen …«

Markby hob die Augenbrauen.

»Kaffee!«, verkündete Fuller forsch, doch seine Stimme klang entschieden hohl.

»Ich suche jemanden, der uns Kaffee bringt. Ich glaube nicht, dass meine Sekretärin schon nach Hause gegangen ist.« Er griff nach seinem Telefon.

»Danke sehr.« Es herrschte betretenes Schweigen, bis der Kaffee eintraf. Als Fullers Sekretärin wieder gegangen war, brachte Markby den Ball ins Rollen.

»Nun, was kann ich für Sie tun, nun da ich hier bin? Ich nehme an, es geht um Oakley?«

»Sie wissen natürlich schon Bescheid darüber«, sagte Fuller mit unüberhörbarer Erleichterung. Er war ein kleiner, stämmiger Mann mit sandfarbenem Haar und runden dunklen Augen. Markby fühlte sich stets an einen Hamster erinnert, insbesondere dann, wenn Fuller ihn – wie jetzt – mit einer Mischung aus Misstrauen und Interesse beobachtete, während er die pummeligen Hände vor dem Bauch verschränkt hielt.

»Ich weiß, was in den Akten steht, und das ist bisher nicht gerade viel. Wir warten auf den Obduktionsbericht von Ihnen.«

»Ich musste einen Kollegen herbeirufen«, sagte Fuller hastig und nickte in Geoffrey Painters Richtung.

»Ich bin kein Experte für Gift. Ich habe die äußeren Anzeichen erkannt, logisch, aber das ist alles. Die Entfärbung der Haut, die muskulären Spasmen vor dem Einsetzen des Todes, das Erbrechen und die Schäden am Magengewebe, nachdem ich ihn aufgeschnitten habe. Ich habe die Proben unverzüglich zu Dr. Painter geschickt.« Fuller lehnte sich zurück, und seine Körpersprache drückte aus, dass er seinen Teil gesagt hatte und von nun an zu schweigen gedachte.

»Als ich hörte, wer der Tote war«, sprang Geoffrey ein,»ließ ich alles andere stehen und liegen und konzentrierte mich auf die Proben, die Fuller mir geschickt hat. Es dauerte gar nicht lange. Ich habe es geprüft und gegengeprüft, weil ich meinen Augen nicht trauen wollte.« Er atmete tief durch.

»Arsen.«

»Arsen?« Markby brüllte fast.

»Sind Sie absolut sicher?«

»Absolut vorsintflutlich«, kommentierte Fuller und klappte den Mund wieder zu.

»Selbstverständlich bin ich absolut sicher!« Geoffrey klang weniger ärgerlich als verzweifelt.

»Ich nehme an, meine Analyse wurde durch die Tatsache beschleunigt, dass wir erst ein paar Tage vorher über Arsen gesprochen hatten, bei uns zu Hause, bei unserer Einweihungsparty, Alan. Aber genau das macht die Sache auch so verdammt schwierig! Wir waren alle dort und haben nicht nur über Arsen geredet, sondern auch über die Oakley-Schwestern. Meine Schwester wurde von ihnen beauftragt, beim Verkauf ihres Hauses zu helfen und eine Wohnung für sie zu finden. Und kaum eine Woche später taucht dieser Jan aus dem Nichts auf und wird von Meredith bei Fourways abgesetzt, wie Sie wahrscheinlich noch sehr gut wissen. Er wirft den Schwestern Steine in den Weg und verdirbt ihnen den Hausverkauf. Alle sind stinkwütend auf ihn. Juliet ist außer sich. Die Oakley-Schwestern sind am Boden zerstört. Meine Frau rauscht rüber zu ihnen, um Jan zur Rede zu stellen, doch unglücklicherweise trifft sie ihn nicht an. Sie und Meredith suchen ihn in einem einheimischen Pub auf, um ihm die Irrtümer seiner Wege zu erklären. Und Meredith, so hat meine Schwester mir berichtet, hat ihn am Samstag zu sich nach Hause auf einen Tee eingeladen, um mit ihm zu reden. Und dann geht dieser elende Bursche hin und …« Geoffrey deutete mit einer ausholenden Bewegung zu den Reihen der Kühlfächer,»… geht hin und stirbt! Verstehen Sie denn nicht? Das bringt uns alle in eine verdammte Verlegenheit! Wir sind um ihn herumgeschwärmt wie die Motten um das Licht, seit er den Fuß auf britischen Boden gesetzt hat!« Markby hob abwehrend beide Hände, um Painter zu beruhigen. Geoffrey sah aus, als könnte er jeden Augenblick alle Selbstbeherrschung verlieren. Fuller, der den Kelch erfolgreich weitergereicht hatte, beobachtete die beiden anderen Männer mit klinischem Interesse.

»Bleiben Sie ruhig, Geoffrey!«, mahnte Markby.

»Es tut mir Leid, wenn es ausgesehen hat, als würde ich Ihre Ergebnisse infrage stellen – aber haben Sie uns nicht selbst bei Ihrer Einweihungsparty von dieser Schwarzen Witwe von Loudon erzählt, die freigesprochen wurde, weil die forensischen Beweise nicht eindeutig waren?«

»Also hören Sie!«, platzte Geoffrey hitzig heraus.

»Das war vor vierzig Jahren! Die Technik ist inzwischen viel ausgereifter, und außerdem kann ich Ihnen versichern, dass weder Fuller hier noch ich einen dieser Fehler begangen haben …« Fuller blickte verblüfft auf, als er gegen seinen Willen wieder mitten in das Geschehen gezogen wurde,»… einen dieser Fehler, die das Labor damals beging.«

»Selbstverständlich nicht«, bestätigte Fuller entschieden.

»Ich kann zwar nicht für den Kollegen Painter sprechen, aber ich kann für mich selbst sprechen. Der Verstorbene zeigt jedes äußerliche Anzeichen einer Vergiftung.«

»Also gut«, sagte Markby und bemühte sich, angesichts des um ihn herum herrschenden Irrsinns methodisch vorzugehen.

»Wenn es Arsen war – hat er es oral zu sich genommen?«

»Oh, das ist so gut wie sicher«, sagte Fuller.

»Jedenfalls nach dem Zustand seiner Magenschleimhäute und der Speiseröhre zu urteilen.«

»Ich habe die Obduktion selbst nicht ausgeführt«, pflichtete Geoffrey ihm bei,»ich habe lediglich einen Teil des Mageninhalts analysiert, und ich stimme Fuller zu. Im Prinzip muss Arsen nicht oral aufgenommen werden. Es könnte auch auf der Haut verrieben werden, beispielsweise in einer Salbe, über einen längeren Zeitraum hinweg. Die alten Ägypter haben es für ihre Gesichtsfarben benutzt, und es hat aller Wahrscheinlichkeit einige von ihnen umgebracht.«

»Also sprechen wir von Mord, oder etwa nicht?«, beharrte Markby. Fast sehnsüchtig erwiderte Painter:

»Nun, er könnte es auch selbst genommen haben.«

»Selbstmord?« Markby nickte.

»Wir werden auch diese Möglichkeit berücksichtigen. Obwohl ich eigentlich dachte, Arsen als Mittel zum Selbstmord wäre seit Madame Bovary aus der Mode gekommen.« Geoffrey errötete und rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her.

»Ah, es gibt da einige ländliche Gegenden in Zentraleuropa, wo die Leute sich immer noch mit kleinen Mengen Arsen vergiften, weil sie glauben, dass es gesund ist. Wohlgemerkt, es ist nur eine Theorie. Die Leute dort fangen mit winzigen Mengen an und erhöhen die Dosis nach und nach. Es ist unglaublich, aber die meisten überleben. Trotzdem, hundert Milligramm Arsen sind normalerweise tödlich.« Geoffrey seufzte und fuhr im Ton tiefsten Bedauerns fort:

»Ich muss sagen, in diesem Fall kommt es wohl kaum in Betracht. Es handelt sich hier nicht um eine allmähliche, akkumulative Vergiftung. Er hat eine massive Dosis zu sich genommen, mehr als genug, um tödlich zu sein. Verstehen Sie, Alan, meine Tests sind noch nicht vollständig, doch ich erwarte nicht, dass sich an den Ergebnissen noch etwas ändert.«

»In Ordnung, Geoffrey. Sie schreiben alles auf, Sie beide, sobald Sie können, und lassen mir den Bericht zukommen?« Fuller nickte. Geoffrey Painter blickte noch elender drein, falls das überhaupt möglich war.

»Ich sollte es vielleicht erwähnen, Alan, für den Fall, dass es Ihnen entfallen ist – bei unserer Einweihungsparty habe ich über den Mord an Cora Oakley erzählt, der sich in den 1880er Jahren auf Fourways House ereignet hat. Ich habe Meredith meine Unterlagen über diesen Fall ausgeliehen.«

»Ja, sie liest sie gegenwärtig. Sie ist ziemlich still abends, während sie damit beschäftigt ist«, erwiderte Markby.

»Juliet würde wahrscheinlich nicht wollen, dass ich die ganze Geschichte erzähle, aber Sie kennen sie ja auch bereits, nicht wahr?«, sagte Geoffrey deprimiert.

»Und ich wage zu behaupten, dass Kollege Fuller hier sie ebenfalls kennt?«

»O ja«, sagte Fuller munter.

»Der Fall hat damals reges Interesse in der Öffentlichkeit erweckt. Der Ehemann wurde angeklagt, doch mangels Beweisen freigesprochen. Er hat Arsen benutzt.«

»Ich weiß«, sagte Meredith an jenem Abend,»dass jeder in Zeiten wie diesen sagt, dass er nicht glauben kann, was passiert ist. Aber ganz ehrlich, Alan – ich kann es einfach nicht glauben!«

»Dann solltest du besser damit anfangen«, erwiderte Alan missmutig.

»Das versuche ich ja! Es ist nur – er war so … so lebendig am Samstagnachmittag! Abwechselnd widerlich unangenehm und schmeichlerisch, ganz sein übliches Selbst! Und jetzt fühle ich mich schuldig!«

»Weswegen denn das um alles in der Welt? Du wolltest doch gleich von Anfang an, dass ich mit Interpol Kontakt aufnehme und Erkundigungen über ihn einziehe!«, erinnerte Alan sie. Niemand wird gerne an Widersprüchlichkeiten in seinem Verhalten erinnert. Das galt auch für Meredith. Widerwillig räumte sie ein:

»Vielleicht hätten wir ihm eine Chance geben sollen. Vielleicht hat er tatsächlich die Wahrheit gesagt, als er meinte, er würde nicht länger Ansprüche gegen die Oakleys oder auf einen Teil von Fourways House aufrechterhalten.«

»Du hast ihm nicht geglaubt, als er dir das erzählt hat – warum fängst du jetzt an, diese Geschichte zu glauben? Jetzt ist es zu spät, um deine Meinung noch einmal zu ändern. Der Mann ist tot. Irgendjemand hat ihm irgendwie Arsen eingeflößt. Ein halbes Dutzend Leute wollte ihn aus dem Weg haben, einschließlich einem älteren Geschwisterpaar sowie der Frau und der Schwester des Giftexperten. Wir alle wussten, welche Scherereien er verursacht hat. Du und ich sind extra zum The Feathers marschiert, um ihm seine Pläne auszureden. Wir alle sind auf unsere jeweilige Weise in diese Geschichte verwickelt.« Der Abend war recht kühl, wenn auch nicht ausgesprochen kalt, und sie hatten ein kleines Feuer im Kamin entfacht, auf der Suche nach ein wenig Wärme in der Folge des Schocks, den Jan Oakleys Tod verursacht hatte. Das Holz knisterte und versprühte Funken. Meredith überlegte, ob sie Alan erzählen sollte, dass sie sich gegen seinen ausdrücklichen Rat mit Juliet Painter getroffen und mit ihr geredet hatte. Sie entschied sich dagegen. Er war bereits verärgert genug, und außerdem, dachte sie trotzig, muss ich ihm nicht über jede Minute meines Tages Rechenschaft ablegen!

»Weder du noch ich hatten ein Motiv, Jan Oakley umzubringen«, sagte sie entschieden.

»Noch, wo wir schon dabei sind, die Mittel. Ich wollte ihn nicht tot sehen. Ich wollte ihn lediglich wieder zurück in Polen haben! Er sollte aufhören, die Oakleys zu belästigen und Juliet das Leben schwer zu machen, damit sie aufhört, mir das Leben schwer zu machen. Wir kannten ihn, und es gefiel uns nicht, was er vorhatte, doch was unsere Verwicklung in diese Geschichte angeht, so wollten wir beide nur helfen, weiter nichts.«

»Und genau das muss ich morgen dem Chief Constable erklären. Er hat mich für Punkt neun Uhr zu sich ins Büro bestellt.« Sie drehte sich in seinem Arm um und sah ihm in die Augen.

»Man wird dir doch wohl nicht den Fall entziehen?«

»Schon möglich. Ich werde versuchen, es ihnen auszureden. Ich kenne die Oakley-Schwestern, seit ich ein kleiner Junge war, und ich wäre gerne derjenige, der diesen Fall leitet. Andererseits ist diese Bekanntschaft ein guter Grund, warum ausgerechnet ich den Fall nicht leiten sollte.«

»Wenn es dich tröstet«, berichtete Meredith düster,»dann bist du nicht der Einzige, der durch diese Geschichte kompromittiert wird. Ich habe einen Kollegen in der Konsularabteilung gefragt, ob die Warschauer Botschaft irgendwas über Jan Oakley hat.« Sie berichtete Markby in knappen Worten, was sie von Mike erfahren hatte.

»Adrian hat gelauscht. Du musst meine Nachforschungen decken – könntest du vielleicht morgen früh eine offizielle Bitte um Auskunft an das Foreign Office stellen, noch bevor du zum Chief Constable gehst? Ich halte die Information für interessant, dass Jan Oakley bereits vor achtzehn Monaten von der Existenz eines Testaments gesprochen hat. Es deutet darauf hin, dass so ein Testament tatsächlich existiert.« Sie schüttelte die düstere Stimmung ab und fuhr lebhaft fort:

»Ich gehe jede Wette ein, dass dieses Testament nicht nur existiert, sondern irgendwo versteckt ist. Ich glaube nicht, dass er es in Polen bei irgendeinem Anwalt zurückgelassen hat. Er hat es ganz bestimmt mitgebracht. Er hat darin so etwas wie eine Fahrkarte zum Glück gesehen, Alan.«

»Ich habe es nicht gefunden, als ich sein Zimmer überprüft habe. Danach war die Spurensicherung drin und hat alles gründlich abgesucht, und sie hat es ebenfalls nicht entdeckt.« Markby zuckte die Schultern.

»Aber du weißt ja, wie Fourways aussieht. Dort gibt es wahrscheinlich mehr Möglichkeiten, etwas zu verstecken, als man in einem ganzen Monat finden würde. Wir könnten das ganze Haus abreißen, ohne etwas zu entdecken.« Er räusperte sich und fragte schließlich verlegen:

»Hast du noch etwas von diesem Kuchen übrig?«

»Sicher. Draußen in der Küche. Ich schneide dir eine Scheibe ab.« Sie erhob sich. Seine Verlegenheit wurde noch größer.

»Nein danke, obwohl ich sicher bin, dass er köstlich schmeckt. Ich … ich möchte eine Probe für die Spurensicherung.« Er sah, wie ihr Gesicht rot anlief und die Augen vor Empörung blitzten.

»Du willst doch wohl nicht etwa andeuten …? Ich hatte doch nicht den geringsten Grund, dieses verdammte Ding zu vergiften! Als würde ich so etwas tun! Außerdem hat Jan nur ein einziges Stück gegessen, und ich habe selbst davon gegessen!«

»Wir müssen jede Minute von Jans letztem Tag rekonstruieren«, versuchte er sie zu beschwichtigen.

»Wir müssen herausfinden, was er gegessen und getrunken hat, angefangen beim Frühstück, das er wahrscheinlich auf Fourways eingenommen hat. Ich weiß nicht, was er zu Mittag gegessen hat. Zum Tee war er bei dir. Und sein Abendessen hat er vermutlich im The Feathers eingenommen, wie üblich. All das können wir nachprüfen. Danach wissen wir nichts mehr. Wo war er sonst noch an diesem Tag? Was hat er sonst noch gegessen?« Markby stockte und fügte schließlich hinzu:

»Kannte er sonst noch irgendjemanden in England? Hat er sonst noch jemanden bedroht, oder wurde er von jemandem bedroht?«

»Wenn er nur die Oakleys kannte und nur ihnen Schwierigkeiten zu machen drohte, dann sind Damaris und Florence die offensichtlichen Verdächtigen …«, sagte Meredith sehr leise.

»Aber das ist lächerlich! Diese beiden alten Frauen?«

»Ich stimme dir zu, dass es unwahrscheinlich klingt, gelinde ausgedrückt.« Er rief sich seinen Besuch ins Gedächtnis.

»Juliet hat Recht, was den Zustand dieses Hauses angeht. Das Land allein ist mehr wert, und wenigstens ein Bauunternehmer hat Interesse daran gezeigt. Du kennst doch Dudley Newman? Ich vermute, aus dem Haus könnte man ein Hotel machen. Jemand könnte in dem Zimmer, in dem Cora Oakley starb, einen Fleck auf den Boden malen und die Geschichte eines Mörders erzählen. Die Gäste mögen diese Art von Gruselstory.«

»Sei nicht so gefühllos.« Sie klang schockiert.

»Galgenhumor, eine Spezialität bei uns Polizisten. Es ist eine Schande wegen dieses Hauses. Ich hatte im Hinterkopf, dass es vielleicht etwas für dich und mich wäre, als ich dort war.«

»In dem Zustand, in dem es nach deinen und Juliets Worten ist?« Meredith schüttelte ungläubig den Kopf.

»Das bedeutet, dass wir es günstig bekommen. Wir könnten es renovieren. Nein, könnten wir nicht, offen gestanden. Es ist nicht mehr zu retten. Es tut mir Leid. Die Presse wird sich auf die Neuigkeiten stürzen, wenn sie erst Wind davon bekommen hat. Kannst du dir das vorstellen? Ein verfallendes Herrenhaus, ein Schwesternpaar, das sie wahrscheinlich als einsiedlerisch beschreiben werden, ganz zu schweigen von einem mehr als hundert Jahre zurückliegenden, nicht aufgeklärten Todesfall am gleichen Ort und in der gleichen Familie. Sämtliche Zeitungen werden Bilder davon bringen, du wirst sehen. Die Oakley-Schwestern werden eine Menge unerwünschter Aufmerksamkeit erhalten. Ich weiß nicht, wie sie damit zurechtkommen. Sie mögen vielleicht keine Einsiedlerinnen sein, aber sie leben zumindest äußerst zurückgezogen.« Sein Tonfall wurde entschiedener.

»Wir müssen die Herkunft des Arsens feststellen. Wenn uns das gelingt, haben wir mit hoher Wahrscheinlichkeit auch den Mörder. Es ist nichts, das man dieser Tage in einem x-beliebigen Laden kaufen oder in irgendeiner chemischen Anlage stehlen kann, ohne dass es bemerkt würde. Ein moderner Mörder kann es unmöglich so einfach beschaffen wie damals William Oakley.« Er erhielt keine Antwort und blickte neugierig auf. Meredith war blass geworden.

»Déjà vu«, sagte sie leise.

»Es ist unheimlich, wirklich. Zwei Morde auf Fourways House, beide mit Arsen, hundert Jahre auseinander. Beim ersten Mal wurde William Oakley des Mordes angeklagt, doch er konnte der Gerechtigkeit entkommen. Jetzt, beim zweiten Mal, ist sein Enkel das Opfer. Es ist fast so, als hätte jemand geduldig all die Jahre gewartet, um sich endlich doch noch zu rächen.«

KAPITEL 16

AM MONTAGMORGEN machte sich Stanley Huxtable in der Erwartung auf den Weg zum Gericht, dass es diesmal viel zu sehen gab, denn jetzt war Mr. Green an der Reihe, der Verteidiger Oakleys. Er rieb sich munter die Hände, während er auf dem Bahnsteig der Bamford Station auf seinen Zug nach Oxford wartete und sich suchend nach dem Mann von Reuters umblickte. Er war, wie Stanley misstrauisch und erleichtert zugleich feststellte, nirgendwo zu sehen. Der Mann von der internationalen Presse hatte sich beharrlich an Stanley geheftet, und Stanley wusste genau, dass es nicht aus Sympathie für einen Kollegen von der Presse war. Doch nun, da Stanley ihn nirgendwo sah, begann er sich zu fragen, wo er denn steckte. Hatte er vielleicht verschlafen? Oder war er über irgendeine Story gestolpert und hatte Stanley nichts davon verraten? In diesem Augenblick betraten zwei Frauen den Bahnsteig, und jeder Gedanke an den abwesenden Mann von Reuters verschwand aus Stanleys Kopf. Eine der Frauen war im mittleren Alter und von respektablem Erscheinungsbild. Die andere, so schätzte Stanley anhand ihrer Figur und der Art und Weise, wie sie sich bewegte, war jung. Er konnte nicht sicher sein, weil ihr Gesicht von einem dichten Schleier verdeckt wurde, als wäre sie in tiefster Trauer. Die ältere Frau machte viel Aufhebens um die jüngere, die äußerst nervös wirkte. Was hat das nun wieder zu bedeuten?, sinnierte Stanley. Ist die jüngere der beiden eine Witwe? Ist die ältere vielleicht ihre Mutter? In diesem Augenblick erfasste ein Windstoß den Schleier und wehte ihn für einen Sekundenbruchteil zur Seite. Stanley erhaschte einen flüchtigen Eindruck ihrer linken Gesichtshälfte, und es war ein sehr schönes Profil. Was ihn jedoch viel stärker faszinierte, war ihre Reaktion auf die Bewegung des Schleiers. Ihre Hand schoss blitzschnell nach oben, um ihn wieder an seinen Platz zu zerren, und dann blickte sie sich verstohlen um, als wollte sie prüfen, ob es jemand bemerkt hatte. Hätte sie Stanley in diesem Augenblick bewusst wahrgenommen, würde sie einen jungen Mann gesehen haben, der angelegentlich die Gleise vor dem Bahnsteig musterte. Der Zug näherte sich dem Bahnhof. Die mächtigen Räder quietschten laut, als er vor dem Bahnsteig zum Stehen kam, und dichter, stinkender weißer Dampf aus der Lokomotive hüllte die wartenden Passagiere ein. Als der Dampf sich wieder verzogen hatte, waren die beiden Frauen nirgendwo mehr zu sehen. Stanley zuckte die Schultern und stieg in den Zug.

Der Mann von Reuters hatte einen früheren Zug genommen und saß bereits im Pressekasten, als Stanley im Gerichtssaal eintraf. Er hatte sich Stanleys Platz einverleibt, der am dichtesten beim Zeugenstand war. Mehr noch, er hatte bereits Informationen aufgetrieben, an denen er Stanley nun teilhaben ließ.

»Er will das Kindermädchen in den Zeugenstand rufen«, sagte der Mann von Reuters.

 

»Was denn – Green?«, fragte Stanley ungläubig.

»Nie im

Leben!«

»Das habe ich jedenfalls in Erfahrung gebracht. Mögli cherweise ist es ein geschickter Schachzug. Wenn sie als ehrbares, anständiges Mädchen erscheint und einen guten Eindruck macht, dann könnte es die Aussage der Haushälterin gründlich erschüttern.«

»Er geht ein ziemlich großes Risiko ein«, sagte Stanley.

»Ich will verdammt sein!« Der Mann von Reuters nickte zustimmend, doch er hatte den Grund für Stanleys letzte Worte völlig falsch verstanden. So überrascht er auch gewesen war von den Absichten der Verteidigung, noch viel überraschender war für ihn die Tatsache, dass genau in diesem Augenblick die beiden Frauen, die er bereits auf dem Bahnsteig in Bamford gesehen hatte, durch den Eingang kamen und die Zuschauerränge betraten. Sie schienen unschlüssig zu sein, wo sie Platz nehmen sollten. Die ältere Frau wollte allem Anschein nach weiter nach vorn, um das Geschehen besser verfolgen zu können. Ihre junge Begleiterin zögerte und setzte sich schließlich durch. Die beiden Frauen gingen in die hinterste Reihe und setzten sich in die äußerste Ecke. Bald kamen weitere Zuschauer und versperrten Stanley die Sicht auf die beiden. In kürzester Zeit war der Zuschauerraum voll. Stanley klopfte nachdenklich mit seinem Stift auf den Notizblock. Der Reporter in ihm spürte, dass sich dahinter eine Story verbarg, doch er konnte beim besten Willen nicht erkennen, in welchem Zusammenhang sie mit den gegenwärtigen Geschehnissen stand. Die Informationen des Mannes von Reuters stellten sich als richtig heraus. Mr. Green rief tatsächlich Daisy Joss in den Zeugenstand. Alle Köpfe reckten sich nach ihr, als sie nach vorne kam. Stanley erinnerte sich an den Grund für seine Anwesenheit und kritzelte auf seinen Block: Daisy ist ein sehr adrettes, hübsches Mädchen mit dunklen Locken und frischer Gesichtsfarbe. Und um seine weiblichen Leser zu befriedigen, fügte er hinzu: Sie trägt einen schwarzen, steifen Strohhut, der mit einem Bund Kirschen verziert ist. Mr. Green lächelte Daisy wohlwollend an, stellte ihre Identität fest und ihre Position im Haushalt zum Zeitpunkt von Mrs. Oakleys Tod.

»Und Sie waren zufrieden in Ihrer Anstellung?«, fragte er.

»War Mrs. Oakley freundlich zu Ihnen?« Daisy antwortete, dass Mrs. Oakley stets sehr freundlich zu ihr gewesen sei und dass sie, Daisy, sich in der Tat sehr wohl bei den Oakleys gefühlt hätte. Auf die Frage hin, ob Mr. Oakley ebenfalls freundlich gewesen sei, antwortete Daisy sehr entschieden, dass sie Mr. Oakley kaum je zu Gesicht bekommen hätte. Er sei ein Gentleman gewesen, der sehr viel Zeit mit seinen Pferden und Hunden verbracht hätte und nur selten in die Kinderstube gekommen wäre. Auf weitere Fragen berichtete sie, wie sie in jener schicksalsschweren Nacht in ihrer Kammer neben der Kinderstube von lauten Rufen aus dem Garten geweckt worden war und die Stimme von Mrs. Button erkannt hätte. Von ihrem Fenster aus hatte Daisy gesehen, wie jemand mit einer Laterne zu den Ställen gelaufen war. Minuten darauf war Mrs. Button wieder zum Haus zurückgekehrt, und diesmal hatte Daisy sie erkannt, weil die Laterne ihr Gesicht beleuchtet hatte. Kurze Zeit darauf hatte sie Hufgetrappel gehört.

»Und Sie waren nicht versucht«, fragte Mr. Green,»nach unten zu gehen und herauszufinden, was das alles zu bedeu ten hatte?«

»Nein, Sir, es ging mich nichts an. Außerdem war das Kind aufgewacht und gereizt. Ich habe eine Weile bei ihm gesessen, bis es wieder eingeschlafen ist, dann bin ich in mein Bett zurückgekehrt.« Daisy zögerte und fügte dann mit zitternder Stimme hinzu:

»Ich erfuhr erst am nächsten Morgen, dass Mrs. Oakley gestorben war. Es war ein schrecklicher Schock für mich. Mrs. Oakley war so eine nette Lady.«

»Sind Sie immer noch als Kindermädchen auf Fourways House angestellt?«, fragte Mr. Green.

»Jawohl, Sir. Zuerst wollte ich aufhören, als ich hörte, wie Mrs. Oakley zu Tode gekommen ist, verbrannt und so weiter. Aber Mr. Oakley meinte, das Kind hätte seine Mutter verloren und es wäre schlimm, wenn es nun auch noch sein Kindermädchen verlöre, das es kannte und dem es vertraute. Mr. Oakley war sehr besorgt wegen seines kleinen Jungen. Also erklärte ich mich einverstanden zu bleiben.« Mit sorgenvoller Miene bemerkte Mr. Green:

»Sie haben gehört, wie eine andere Zeugin angedeutet hat, Sie hätten ein unschickliches Verhältnis mit Ihrem Arbeitgeber gehabt.« An dieser Stelle wurde Miss Joss sehr lebhaft.

»Das stimmt nicht!«, widersprach sie.

»Das ist eine gemeine Lüge! Ich bin ein anständiges Mädchen! Niemand kann von mir behaupten, dass ich einen schlechten Charakter hätte!«

»Sie haben gehört, wie es hier vor diesem Gericht ausgesprochen wurde«, sagte Mr. Green mit immer noch sorgenvoller Miene.

»Aber nur von Mrs. Button!«, antwortete Daisy Joss,»und sie ist eine gehässige alte Frau! Ich treffe mich manchmal zum Spazieren mit einem anständigen jungen Mann. Sein Name ist Harry Biddle, und er arbeitet für Mr. Salter, den Tabakhändler in Bamford. Wir wollen heiraten, sobald Harry ein wenig Geld gespart hat und ich älter bin.«

»Und wie alt sind Sie jetzt?«, fragte Mr. Green in freundlichem Ton.

»Ich bin siebzehn, Sir, aber mein Vater sagt, ich muss warten, bis ich zwanzig bin, bevor ich heiraten darf.«

»Danke sehr, Miss Joss«, sagte Mr. Green und lächelte die wohlerzogene Tochter gewogen an. Clever wie eine Wagenladung Affen, kritzelte Stanley auf seinen Block unter die Beschreibung von Daisy. Mr. Taylor war sich durchaus bewusst, welche Gefahr seinem Fall durch die tugendhafte Miss Joss drohte. Er erhob sich zu seiner vollen schlaksigen Länge und reckte den Kopf am Ende seines langen Halses vor. Der Vogel hat einen Fisch erspäht!, dachte Stanley, der sich – genau wie Inspector Wood – beim Anblick des Anwalts der Krone unwillkürlich an einen Fischreiher erinnert fühlte.

»Nun, Daisy«, begann Mr. Taylor ebenfalls freundlich,»sind Sie ein ehrliches Mädchen? Wissen Sie, was es bedeutet, auf die Bibel zu schwören, wie Sie es getan haben? Wissen Sie, was Meineid bedeutet?« Die Zeugin informierte ihn, dass sie äußerst wahrheitsliebend sei. Sie hatte regelmäßig die Sonntagsschule besucht, die Bibelprüfung bestanden und zur Belohnung ein Gebetbuch erhalten.

»Nun, das ist alles sehr schön und gut«, sagte Mr. Taylor herablassend.

»Wie lange waren sie auf Fourways House angestellt, bevor sich die Tragödie ereignete?«

»Drei Monate ungefähr«, antwortete Daisy.

»Nur drei Monate? Ich dachte, Mr. Oakley hätte Sie aufgefordert zu bleiben, weil das Kind an Sie gewöhnt war und Ihnen vertraut hat, und doch waren Sie erst seit ein paar Wo chen sein Kindermädchen?«

»Drei Monate sind im Leben eines kleinen Jungen eine ziemlich lange Zeit, Sir«, belehrte Daisy den Anwalt der Krone tadelnd.

»Das Kind mag mich. Ich mag den Jungen. Ich mag Kinder sehr.«

»Als Mr. Oakley Sie bat zu bleiben, hat er Ihnen da auch angeboten, Ihre Bezahlung zu erhöhen, als Belohnung für Ihre Ergebenheit?«

»Ja, das hat er«, sagte Miss Joss.

»Weil er sehen konnte, wie aufgewühlt ich war und weil ich nach Hause gehen wollte.«

»Hat Mr. Oakley Ihnen je gesagt, dass Sie ein hübsches Mädchen sind?«, fragte Mr. Taylor unvermittelt, und mit einem Schlag war jede Freundlichkeit aus seinem Gesicht gewichen.

»Nein!«, rief Daisy Joss empört.

»Ist das denn die Möglichkeit!«

»Ich denke, die meisten von uns wissen, was möglicherweise danach passiert«, fuhr Mr. Taylor ungerührt fort.

»Nun, er hat jedenfalls nichts dergleichen gesagt!«, schnappte Daisy, und ihr herzförmiges Gesicht lief zu einem nicht unattraktiven dunklen Rot an. Sie packte das Geländer des Zeugenstands mit ihren behandschuhten Händen. Sie war sehr klein, und es sah aus, als stünde sie nun auf den Zehenspitzen. Stanleys Blicke wanderten zu den Zuschauerreihen. An den Gesichtern der Leute konnte er sehen, dass sie auf Daisys Seite standen. Er versuchte die verschleierte Frau zu entde cken, doch es waren zu viele andere Menschen im Weg.

»Er hat Sie nie geneckt und sich nie einen Kuss geben lassen?«, fragte Mr. Taylor.

»Nein, das hat er nie getan, und ich denke, was Sie da sagen ist widerlich!«, schäumte Daisy. Diesmal beobachtete Stanley die Jury. Wenigstens einige der Geschworenen schienen der gleichen Meinung wie Daisy Joss zu sein. Mr. Taylor wollte sich nicht so schnell geschlagen geben.

»Denken Sie das, tatsächlich? Berichten Sie uns doch, Miss Joss, was Sie mit Ihrem Lohn so anfangen.«

»Einen Teil davon gebe ich meiner Mutter«, sagte Daisy.

»Den Rest spare ich. Es ist alles für meine Aussteuer.« Mr. Taylor beugte sich vor, reckte den langen Hals und bleckte die dünnen Lippen, sodass seine blassen Zähne sichtbar wurden.

»Einen Teil geben Sie aber doch aus, nicht wahr? Stimmt es nicht, dass Sie eine Woche nach dem Tod von Mrs. Oakley nach Bamford gegangen sind und sich einen neuen Hut und mehrere Paar Seidenstrümpfe gekauft haben?« Mr. Green blickte alarmiert auf. Doch seine Besorgnis war umsonst.

»Ja«, stimmte Daisy zu.

»Es ist, wie ich sagte – ich hoffe, bald zu heiraten. Ich kaufe Sachen für meine Aussteuer und für meine Flitterwochen. Wir wollen nach Torquay.« Ihr kleines Gesicht nahm einen elenden Ausdruck an, und sie schluchzte auf.

»Sie sagen lauter Dinge, die nicht so sind, wie Sie glauben, Sir! Ich weiß nicht, warum Sie das tun!«

»Man hat Sie auch in der Kirche gesehen, wo Sie Ohrringe aus Korallen getragen haben, die früher Mrs. Oakley gehört haben«, sagte Mr. Taylor ungerührt. Daisy Joss starrte ihn aus weiten, befremdeten Augen an.

»Ja, Sir. Aber ich bin auf ehrliche Weise an diese Ohrringe gekommen, und ich schäme mich dessen nicht! Mr. Oakley sagte zu mir, seine Frau hätte mich gemocht und er wünschte, dass ich eine kleine Erinnerung an sie erhalte. Deswegen hat er mir die Ohrringe geschenkt.«

»Seine Frau hätte Sie gemocht!«, schnarrte Mr. Taylor.

»Mrs. Button hat uns erzählt, dass Mrs. Oakley Sie entlassen wollte! Wussten Sie, dass Ihre Herrin Sie in Wirklichkeit entlassen wollte?« Miss Joss richtete sich zu ihrer vollen Größe von vielleicht hundertfünfzig Zentimetern auf und starrte ihren Folterknecht tapfer an.

»Nein, Sir, weil das nicht wahr ist! Das ist nur eine von den vielen Lügen, die Mrs. Button ständig erzählt! Sie mochte mich nicht, weil sie mich einmal dabei erwischt hat, wie ich mit Jenny über sie gekichert habe, einer der Mägde. Sie mochte keine der Mägde, genauso wenig wie mich. Sie können die anderen gerne fragen! Sie hat den Hausmägden das Leben zur Hölle gemacht, und sie hätte mit mir das Gleiche getan, wenn Sie gekonnt hätte und ich nicht den ganzen Tag oben in der Kinderstube gewesen wäre! Und weil sie mir nicht auf andere Weise zusetzen konnte, hat sie diese hässlichen Lügen über mich erfunden! Nichts von alledem ist wahr, nicht ein Wort!« Und der Fisch ist zu schnell für ihn, kritzelte Stanley in sein Notizbuch. Das Gericht vertagte sich zur Mittagspause.

»Gehen wir in das Pub?«, fragte der Mann von Reuters.

»Wir treffen uns später dort«, sagte Stanley.

»Ich habe vor her noch etwas zu erledigen.« Bei diesen Worten zuckten die Antennen des Mannes von Reuters, und er ließ Stanley nur sehr zögernd ziehen. Für einen Augenblick schienen die beiden Frauen unentschieden, ob sie ihre Plätze verlassen sollten oder nicht, doch schließlich erhoben sie sich und gingen auf den Ausgang zu. Sie verließen das Gerichtsgebäude, und Stanley folgte ihnen unauffällig. Von Zeit zu Zeit blickte er sich um, weil er sicher sein wollte, dass sein Schatten ihm nicht folgte, der Mann von Reuters. Doch die Verlockung eines Pints Ale war größer gewesen. Nirgendwo war eine Spur des Spions zu entdecken. Die Frauen bewegten sich forschen Schrittes. Sie wollten etwas zu sich nehmen und dann rechtzeitig wieder ins Gericht zurückkehren, um ihre Plätze nicht zu verlieren. Nachdem sie eine Reihe von Restaurants passiert hatten, in denen offensichtlich Hochbetrieb herrschte, kehrten sie in einer Teestube ein. Stanley folgte ihnen. Es war die Sorte Restaurant, die zu dieser Tageszeit leichte Mahlzeiten anbot, hauptsächlich kalte Platten und Salate. Es gab nur wenig Gäste, und Stanley fragte sich, ob das möglicherweise der Grund für die Wahl der beiden Frauen war. Sie hatten in einer dunklen Ecke an der Rückwand Platz genommen.

»Sie wünschen, Sir?«, erkundigte sich eine gehetzte Kellnerin in einem derben schwarzen Kleid mit einer weißen, verwaschenen Schürze. Stanley überflog hastig die Speisekarte und bestellte ein paar gekochte Eier und einen Becher Tee. Die beiden Frauen hatten ebenfalls bestellt. Stanley wartete. Wenn das Essen kam, würde sie ihren Schleier heben müssen. Sie tat es auch, doch einmal mehr erblickte er nur ihre linke Seite. Sie hielt den Kopf steif in dieser Position, sodass er nicht ein einziges Mal ihr volles Gesicht oder ihr rechtes Profil zu sehen bekam. Sie aß rasch und schweigend, als fürchtete sie, unterbrochen zu werden. Und zu Recht. Stanley tupfte sich mit einer Serviette den Mund, erhob sich von seinem Tisch und näherte sich den beiden Frauen. Er war fast heran, als die ältere Frau ihn bemerkte und einen Warnruf ausstieß. Blitzschnell, ohne einen Blick auf die drohende Gefahr zu werfen, hatte die jüngere ihren Schleier wieder heruntergelassen, und Stanley sah sich mit einem schwarzen Vorhang konfrontiert.

»Bitte entschuldigen Sie, die Damen«, begann er.

»Mein Name ist Huxtable, Stanley Huxtable von der Bamford Gazette. Hier, bitte sehr – meine Karte.« Er hielt ihnen seine Visitenkarte hin, doch keine der Frauen machte Anstalten, sie zu nehmen, und so war er gezwungen, sie auf ihren Tisch zu legen. Die jüngere Frau saß wie erstarrt da. Die andere warf einen missbilligenden Blick auf die Visitenkarte.

»Was möchten Sie, junger Mann?«

»Nur eine kurze Unterhaltung. Ich habe Sie im Gerichtssaal bemerkt. Ich berichte über den Oakley-Prozess. Das öffentliche Interesse daran ist groß, und ich habe mich gefragt, welcher Aspekt des Verfahrens Sie besonders interessiert? Sind Sie mit Mr. Oakley bekannt – oder vielleicht mit einem der Zeugen?«

»Nein!«, schnappte die ältere Frau.

»Es ist allein unsere Sache, warum wir hier sind, junger Mann, und es geht Sie nicht das Geringste an! Falls Sie uns weiterhin belästigen, werde ich nach der Geschäftsführerin rufen und bitten, dass man Sie hinauswirft.« Während sie sprach, ergriff sie Stanleys Visitenkarte und schob sie in die Brusttasche seiner Jacke zurück.

»Und nehmen Sie die wieder mit!« Stanley war sofort klar, dass es wenig Sinn hatte, auf seinem Ansinnen zu beharren. Dieser alte Drache war bereit, die junge Frau in seiner Obhut gegen alles und jeden zu verteidigen. Stanley zog sich nach einem letzten Blick auf die reglos mit gesenktem Kopf dasitzende, verschleierte Frau zurück.

»Nun?«, erkundigte sich Wood an jenem Abend bei seiner Tochter.

»Was hältst du von der Verhandlung?«

Wegen ihrer Abwesenheit tagsüber saßen sie über einem Abendessen aus kalter Schinkenpastete und eingelegtem Gemüse. Emily war untröstlich darüber, doch er hatte ihr eifrig versichert, dass kalte Schinkenpastete schon immer eines seiner Lieblingsessen gewesen war.

Sie stützte die Ellbogen auf die Tischplatte und das Kinn auf die verschränkten Hände.

»Ich glaube, es ist ein großes Glück, dass ich hier bei dir leben kann. Mrs. Oakley war eine reiche Frau mit einem großen Haus und Dienstboten, aber sie war niemals glücklich und starb einen schrecklichen Tod, ganz gleich, wie er zu Stande kam. Hätte sie ihre Verbrennungen überlebt, hätte sie ausgesehen wie ich, voller Narben und erfüllt von Angst, dass die Menschen sie so sehen.« Nach einem Augenblick fügte sie ernst hinzu:

»Ich hätte nicht gedacht, dass Menschen so böse und verschlagen sein können.«

»Nun, sie können es jedenfalls«, sagte Wood missmutig.

»Was hältst du von dem Angeklagten?«

»Er erinnert mich irgendwie an diesen streunenden Hund, der letztes Jahr in unserer Gegend durch die Straßen gerannt ist und so viel Ärger gemacht hat«, sagte Emily nachdenklich.

»Erinnerst du dich noch? Es muss früher einmal ein wirklich schöner Hund gewesen sein. Er war kein Mischling, sondern irgendein Rassehund, aber er war so schmutzig und verhungert und wild geworden. Einige Leute beschlossen, ihn mit einem Netz zu fangen. Sie trieben das Tier in einen Hauseingang. Es wandte sich gegen sie, als sie sich näherten, und knurrte und schnappte, doch es schien irgendwie zu wissen, dass es seinen Häschern nicht mehr entrinnen konnte.« Emily stockte und bedachte ihren Vater mit einem nervösen Blick.

»Und dann, im allerletzten Moment, als es bereits völlig unmöglich schien, machte es einen großen Satz über das Netz hinweg und entkam. Wir haben es nie wieder gesehen.« Wood schwieg nachdenklich. Nach einer Weile nahm er sich zusammen.

»Und?«, fragte er so ruhig, wie es ihm möglich war.

»Werden du und Mrs. Hayworth noch einmal nach Oxford fahren?«

»O nein!«, antwortete Emily und errötete.

»Ich schätze, ich war einfach nur neugierig, ganz gleich, was ich vorher gesagt habe. Meine Neugier ist jetzt befriedigt, und außerdem möchte ich dir diese Woche nicht noch einmal ein kaltes Abendessen zumuten.«

KAPITEL 17

»DAS IST eine eigenartige Geschichte«, sagte der Chief Constable Harrington Winsley. Er war ein kleiner, jähzorniger Mann mit einem sauber gestutzten Schnurrbart und militärischen Manieren. Er war zu einem früheren Zeitpunkt seines Lebens Soldat gewesen, und wie viele, die in den bewaffneten Streitkräften gedient hatten, neigte er dazu, nach den Queen’s Regulations oder ihrem Äquivalent zu greifen, sobald sich irgendwo ein Problem auftat.

»Wie lautet Ihre Version dieser Angelegenheit?« Winsley verschränkte die Hände und legte sie auf die Schreibfläche eines riesigen Eichenschreibtischs, hinter dem er wie ein Zwerg wirkte. Wäre nicht dieses Glitzern von Macht in seinen Augen gewesen, ein unbefangener Beobachter hätte den Anblick des Chief Constable lustig finden können. Markby, der wusste, wie widersprüchlich und manchmal unberechenbar sein Vorgesetzter war, empfand die Situation alles andere als lustig. Noch gefiel es ihm sonderlich, nach

»seiner Version« dieser Angelegenheit befragt zu werden. Er fasste in kurzen Worten zusammen, was er über Jan Oakley wusste. Winsley starrte ihn finster an.

»Hören Sie, Markby, es gibt da etwas, das Sie wissen sollten. Letzten Freitag erhielt ich einen Brief von diesem Oakley.«

»Was?«, rief Markby ungläubig aus.

»Ich habe ihn hier.« Winsley deutete auf ein zerknittertes, von Hand beschriebenes Blatt Papier auf seinem Schreibtisch.

»Ich habe nicht sofort etwas unternommen, weil ich zuerst herausfinden wollte, wer dieser Bursche war und auch, weil ich nach Möglichkeit zuerst mit Ihnen reden wollte. Jetzt jedoch wird alles, was ich weiter unternehme, von seinem Tod bestimmt. Insbesondere …«, Winsley räusperte sich,»… insbesondere, wenn sich herausstellen sollte, dass sein Tod Selbstmord war. In seinem Brief beschwert sich Oakley, dass er von der Polizei schikaniert wird. Namentlich werden Sie erwähnt, Superintendent.«

»Das ist doch Unsinn!«, platzte Markby ärgerlich hervor.

»Ich bin diesem Mann nur ein einziges Mal persönlich begegnet! Ich habe ihn ganz bestimmt nicht schikaniert! Ich gestehe, dass ich ihn für einen falschen Fünfziger gehalten habe, doch ich hatte keine Veranlassung, ihn irgendwelcher krimineller Aktivitäten zu verdächtigen. Ich gestehe, ich war besorgt wegen der Oakley-Schwestern, zweier älterer Ladys, und ich dachte, wenn ich mit ihm rede und ihn wissen ließ, dass jemand ihn beobachtete, würde ihn das zur Vernunft bringen.«

»Und nun ist dieser Oakley tot«, sagte Winsley.

»Was zumindest eigenartig erscheint, wie Sie sicherlich zugeben werden.«

»Ich weiß, dass er tot ist! Aber warum um alles in der Welt sollte er Selbstmord begehen? Und noch dazu mit Arsen?« Markby brüllte fast. Er riss sich bewusst zusammen.

»Ich habe bereits mit Painter und Fuller darüber geredet! Wir alle halten es für höchst unwahrscheinlich! Hören Sie, dieser Oakley war ein Mann, der mit hochfliegenden Hoffnungen von beträchtlichem finanziellen Gewinn nach England kam …« Er schnippte mit den Fingern.

»Jetzt hab ich’s. Er hat in mir ein Hindernis gesehen und wollte mich auf diese Weise aus dem Weg räumen. Also hat er diesen Brief geschrieben. Ich muss gestehen, Jan Oakley war einfallsreich.« Sein Blick wanderte zu dem zerknitterten Blatt Papier.

»Darf ich den Brief lesen, Sir?« Winsley zögerte, doch dann reichte er Markby das Blatt über den Schreibtisch hinweg. Markby nahm es, überflog die Zeilen und gab es zurück.

»Nicht nur einfallsreich, sondern darüber hinaus äußerst fantasievoll. Das ist alles vollkommen erfunden! Nichts von alledem hätte er beweisen können.« Er überlegte.

»Wenn ich raten soll, würde ich sagen, dass er den gleichen Trick anwandte wie bei den Oakley-Schwestern mit seiner Geschichte über ein Testament. Er hat auf Zeit gespielt und versucht, mich für ein oder zwei Wochen abzuschütteln.«

»Nichtsdestotrotz kann ich diesen Brief nicht in meinem Eingangskorb liegen lassen und so tun, als sei nichts geschehen, nicht mehr jedenfalls.« Winsley schüttelte den Kopf.

»Er muss als Teil dieser Ermittlungen wegen Oakleys Tod untersucht werden.«

»Sie wollen damit sagen, dass ich zu den Verdächtigen gehöre«, sagte Markby gepresst.

»Nun seien Sie nicht gleich beleidigt! Was seinen Tod angeht, wird es sicherlich eine Routineangelegenheit, die in null Komma nichts aufgeklärt ist, daran zweifle ich keinen Augenblick. Trotzdem, wir haben hier einen Mann, der Sie der Schikane bezichtigt hat, und nun ist er tot. Manche von diesen Ausländern sind seelisch höchst instabil. Sie glauben, Sie werden überall verfolgt, Sie wissen schon.«

»Ich denke, wir werden herausfinden, dass Jan Oakley ermordet wurde«, sagte Markby grimmig.

»Von wem und warum kann ich Ihnen im Augenblick allerdings noch nicht sagen. Wir werden es herausfinden.«

»Das will ich hoffen, verdammt!«, grollte Winsley.

»Wer, der bei klarem Verstand ist, würde Arsen benutzen? Es gibt alle möglichen Pillen, die viel leichter zu besorgen sind, wenn man jemandem etwas ins Essen mischen will.«

»Genau das sagt Dr. Fuller auch«, pflichtete Markby ihm bei.

»Dr. Painter denkt das Gleiche und verflucht die Tatsache, dass es ausgerechnet Arsen war. Es ist einfach ein dummer Zufall, dass wir alle kurze Zeit vorher über den historischen Oakley-Fall gesprochen haben und Vergiftungen durch Arsen, bei der Einweihungsparty in Painters Haus. Schlimmer noch, Painter plant ein Buch zu schreiben, und er hat Meredith seine Unterlagen über den Fall zum Lesen ausgeliehen.«

»Vielleicht«, sagte Winsley.

»Vielleicht aber auch nicht! Sie sagen, der Raum war zum Zeitpunkt dieser Unterhaltung voller Menschen. Wer weiß, wer alles zugehört hat?« Aufgebracht entgegnete Markby:

»Ich glaube nicht, dass der Vikar es getan hat.« Winsleys blutunterlaufene hellblaue Augen durchbohrten Markby.

»Man kann einen Verdächtigen nicht einfach ausschließen, weil er einen klerikalen Kragen trägt. Ich kannte einen Geistlichen bei der Army, der ein Spielsyndikat geleitet hat.«

»Das ist immer noch etwas ganz anderes als Mord«, entgegnete Markby. Winsley mochte keine Opposition, ganz gleich, aus welcher Richtung sie kam. Er hämmerte mit der Faust auf den Schreibtisch.

»Ich habe Sie nicht herbestellt, um mit Ihnen Haare zu spalten, Superintendent!«

»Ganz recht«, erwiderte Markby.

»Deswegen würde ich vorschlagen, wir finden zunächst heraus, woher das Arsen stammt. Dann sind wir schon ein gutes Stück auf der Spur desjenigen, der es Oakley verabreicht hat. Arsen ist heutzutage gar nicht mehr so einfach erhältlich. Wir müssten es zurückverfolgen können.«

»Irgendein Motiv?«, fragte Winsley in herausforderndem Ton. Das war der Teil, den Markby gefürchtet hatte.

»Das ist der komplizierte Teil, Sir. Die beiden Personen mit dem stärksten Motiv, Jan Oakley permanent aus dem Weg zu räumen, sind zweifellos seine Cousinen, zwei Damen im hohen Alter von achtzig und zweiundachtzig Jahren. Ich kenne sie, seit ich lebe, und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie es getan haben könnten. Jan hat bei ihnen im Haus gewohnt und mit ihnen zusammen gefrühstückt. Manchmal hat er auch dort zu Mittag gegessen. Sein Abendessen hat er in einem einheimischen Pub eingenommen. Inspector Pearce ist heute Morgen dorthin unterwegs und stellt Ermittlungen an. Das Pub nennt sich The Feathers, ein recht unscheinbares Lokal.« Markby räusperte sich.

»Außerdem war Oakley am Nachmittag vor seinem Tod in meinem Haus zum Tee.«

»Was?« Winsley sah aus, als würde er im nächsten Moment einen Schlaganfall erleiden.

»Was zum Teufel hatte er dort zu suchen?«

»Meredith, meine – die Person, die mit mir im Haus lebt –, sie hat ihn eingeladen. Sie hat gehofft, ihm seine Pläne ausreden und ihn zur Rückkehr nach Polen bewegen zu können. Er hat eine Menge Ärger und Aufregung verursacht.«

»Also war sie auch nicht gerade seine Freundin, wie? Haben Sie sich alle gegen diesen Oakley zusammengerottet? Kein Wunder, dass er sich schikaniert fühlte! Hat irgendjemand auch ein gutes Wort über diesen Burschen zu verlieren?« Markby verneinte diese Frage. Jan hatte nicht die Gabe besessen, sich bei anderen beliebt zu machen. Winsley lehnte sich in seinem Sessel zurück und glättete seinen Schnurrbart, während er nachdachte.

»Sie haben die polnische Botschaft bereits informiert, nehme ich an? Der Mann war schließlich polnischer Staatsbürger.«

»Ja. Sie schicken jemanden aus der Konsularabteilung in London hierher. Ich habe ihnen Oakleys Daten übermittelt und gefragt, ob sie uns behilflich sein und Informationen über Oakleys Hintergrund liefern könnten. Nur für den Fall, dass sein Tod das Resultat von etwas ist, in das er in Polen verwickelt war und das ihn bis hierher verfolgt hat.«

»Richtig!« Winsley wurde ganz aufgeregt und hüpfte auf seinem Sessel auf und ab.

»Einer von diesen osteuropäischen Gangstertypen! Sie machen überall in Europa Schwierigkeiten! Das wäre eine sehr gelegene Erklärung für diesen Fall, und es ist mehr als wahrscheinlich! Diese Typen kommen auch mit Sicherheit leicht an Arsen. Diese Typen kommen an alles heran, was sie wollen!«

»Bisher haben wir allerdings keine Beweise …«, murmelte Markby. Die Blase aus Begeisterung platzte, und Winsley beruhigte sich.

»Es wäre nur so«, sagte er sehnsüchtig,»dass es uns wunderbar in den Kram passen würde. Hören Sie, Markby, normalerweise würde ich Sie als den idealen Mann für diesen Fall betrachten. Wir müssen sehr vorsichtig sein, wann immer es zu internationalen Verwicklungen kommen könnte, wenn wir mit ausländischen Botschaften zu tun haben und so weiter.« Winsley runzelte die Stirn.

»Ist Ihre junge Frau nicht im diplomatischen Dienst?«

»Zurzeit arbeitet sie im Foreign Office in London«, antwortete Markby vorsichtig.

»Ich würde sie auch nicht meine junge Frau nennen. Ich glaube nicht, dass sie das mögen würde.« Winsley blickte ihn sekundenlang verwirrt an.

»A-hämmm!«, machte er schließlich.

»Sehr wohl, ganz recht. Wie ich bereits sagte, normalerweise würde ich Sie als den idealen Mann für diesen Fall einschätzen, doch angesichts der Tatsache, dass nicht nur Sie, sondern so gut wie jeder, den Sie kennen, in diese Sache verwickelt zu sein scheint, ganz zu schweigen von Ihrer langen Bekanntschaft mit den Oakley-Schwestern, und angesichts dieses verdammten Briefes, kann ich Ihnen bei dieser Geschichte unmöglich freie Hand gewähren.«

»Ich bin während meiner gesamten beruflichen Laufbahn noch nie von einem Fall abberufen worden«, antwortete Markby leise.

»Das glaube ich Ihnen gerne, Superintendent, aber Sie müssen verstehen, wie das aussieht. Nehmen Sie es nicht persönlich, mein lieber Freund. Es hat nichts mit meiner Meinung von Ihnen zu tun. Aber wir müssen heutzutage so verdammt vorsichtig sein. Offen gestanden, ich würde Ihnen diesen Fall mit der größten Freude überlassen. Es verursacht zusätzlichen Aufwand, andere damit zu betrauen, und es sieht nicht gut aus. Aber ich muss jemand anders beauftragen, jemanden von außerhalb Ihres Gebietes, und Sie von der Verantwortung für diese Ermittlung entbinden.« Dies ging viel weiter, als Markby gedacht hatte. Der Unterton von Winsleys Worten war unmissverständlich.

»Soll das heißen, ich könnte versuchen, einen Beamten vom Regionalhauptquartier zu beeinflussen?« Er konnte hören, wie der Ärger in seiner Stimme durchbrach. Winsley beugte sich so weit über seinen zu großen Schreibtisch vor, wie es seine physische Statur gestattete.

»Ich habe nicht gesagt, dass ich Ihr gesamtes Team von diesem Fall abberufe, Superintendent. Lediglich Sie als den verantwortlichen Beamten muss ich ersetzen. Wenn die Presse Wind von dieser Sache bekommt, und ich wage zu behaupten, dass es so weit kommt – können Sie sich vorstellen, was dann los sein wird? Außerdem ist Geoffrey Painter ebenfalls in diese Sache verwickelt. Diese Geschichte ist fast eine Familienangelegenheit! Es mag ein wenig ungewöhnlich aussehen, doch ich habe entschieden, dass mir keine andere Wahl bleibt. Ich bin zu diesem Schritt gezwungen, Superintendent. Ich habe die Metropolitan Police um Unterstützung gebeten.«

»Die Met?« Markby wäre fast protestierend von seinem Stuhl aufgesprungen, doch es gelang ihm, sich zu beherrschen.

»Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass irgendein Londoner Beamter geeignet wäre, hierher zu kommen und die Ermittlungen in einem Fall zu leiten, der sich in einer hinterwäldlerischen Gegend wie Bamford ereignet hat?«

»Nun machen Sie aber halblang«, widersprach Winsley.

»Bamford ist wohl kaum hinterwäldlerisch! Ich kann mich noch erinnern, als es das war, vor gar nicht allzu vielen Jahren, aber mit all den neuen Häusern und den neuen Straßen, die dort gebaut wurden, glaube ich nicht, dass Superintendent Minchin es zu befremdlich finden wird. Die Probleme auf dem Land und in der Stadt sind heutzutage größtenteils die gleichen.«

»Minchin?«, fragte Markby misstrauisch.

»Der Beamte, der Sie ablösen wird. Habe ich seinen Namen nicht erwähnt?« Winsleys Gesichtsausdruck war verdächtig nichts sagend.

»Nein, haben Sie nicht«, erwiderte Markby.

»Hören Sie, Sir, ich halte es für nicht besonders ratsam, jemanden von London herzubringen. Wir haben Dienststellen, die näher liegen und die ganz bestimmt einen Beamten abstellen könnten …«

»Alan …«, Markby empfand es als aufreizend, von Winsley mit seinem Vornamen angesprochen zu werden.

»… Sie müssen verstehen, wie das ist. Sicher könnte eine Dienststelle aus der näheren Umgebung einen Beamten abstellen. Doch es besteht die Chance, dass Sie diese Beamten kennen oder dass die Beamten Sie kennen. Es sind Männer, denen Sie bei den verschiedensten Gelegenheiten begegnet sind, bei Dinnerpartys, bei Weihnachtsfeiern, mit denen Sie Golf gespielt haben …«

»Ich spiele kein Golf«, unterbrach Markby seinen Vorgesetzten.

»Und ich gehe höchst selten zu gesellschaftlichen Veranstaltungen der Polizei.«

»Nichtsdestotrotz!«, unterbrach ihn Winsley, indem er Markbys Einwände verwarf.

»Es geht nicht nur darum, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird, sondern auch darum, dass die Öffentlichkeit sieht, dass dem so ist. Superintendent Minchin wird sich morgen Früh gleich als Erstes zusammen mit Inspector Hayes bei Ihnen melden. Vielleicht könnten Sie für die beiden eine Unterkunft besorgen?«

Dave Pearce, ahnungslos ob der Bombe, die in diesem Augenblick über seinem Chef detonierte, war vor dem The Feathers angekommen.

Er kannte das Pub nicht sonderlich gut. Er erinnerte sich vage an wenigstens eine Gelegenheit, zu der er mit seiner Frau Tessa dort gewesen war und etwas getrunken hatte. Tessa hatte es nicht gefallen, und sie waren nicht wiedergekommen. Pearce blickte sich ohne Begeisterung um. Die winzigen Fenster im Obergeschoss bildeten schwarze Löcher unter dem vorkragenden Dach, als würden sie nur widerwillig überhaupt Licht in das Gebäude einlassen. Das Wirtshausschild zeigte die gefiederte Helmzier des Prinzen von Wales. Die Eingangstür stand sperrangelweit offen, obwohl es noch eine ganze Weile dauerte, bis das Pub öffnete. Als Dave näher trat, schlug ihm eine Fahne aus schalem Bier, kaltem Rauch und Essen entgegen, zusammen mit dem Lärm eines Staubsaugers. Zu dieser Stunde am Morgen – es war halb zehn – bot wahrscheinlich jedes Pub im ganzen Land das gleiche Bild. Die Abfälle und der Mief der vergangenen Nacht wurden beseitigt.

Pearce zog den Kopf ein, um sich nicht an dem niedrigen Türsturz zu stoßen, und bahnte sich seinen Weg in Richtung der Quelle des Lärms. Er fand sich im Schankraum des Pubs wieder. Sein Eindruck von diesem Etablissement hätte sich genau mit dem gedeckt, den Meredith bei ihrem ersten und einzigen Besuch gewonnen hatte, und ihm fiel wieder ein, warum er und Tessa nicht wieder hierher zurückgekehrt waren. Es war ein düsteres, altes Lokal. Pearce starrte die dunklen Wände an, die bis auf halbe Höhe mit eichefarben gebeizten Kieferpaneelen verkleidet waren. Darüber klebte bis hinauf zur Decke von Rauch und Nikotin dunkel gefärbte Raufasertapete. Sämtliche Stühle waren hochgestellt worden, um das Reinigen des Bodens einfacher zu gestalten. Ein Mann mit schulterlangen blonden Haaren, hoher Stirn und mit einem Ring in einem Ohrläppchen, dessen Alter irgendwo zwischen fünfunddreißig und fünfzig liegen mochte, schob den Staubsauger mit wenig Begeisterung und kaum mehr Effizienz hin und her. Ein Jack Russell Terrier, der umhergewandert war und den fleckigen roten Teppich beschnüffelt hatte, blickte bei Pearces Eintreten auf und rannte mit hohem, scharfem Bellen auf den Eindringling zu.

»Polizei!«, schnarrte Pearce über den Lärm von Staubsauger und Hund hinweg. Er hielt seinen Ausweis hoch und schob sich vorsichtig aus der Reichweite der schnappenden Hundezähne.

Der Staubsauger verstummte.

»Das Tier beißt nicht«, sagte der Mann. Tatsächlich hatte der Terrier aufgehört zu bellen, sobald der Lärm des Staubsaugers erstorben war. Nun stand er dort und beobachtete Pearce mit wachem Interesse und gespitzten Ohren. Sein Verhalten ließ darauf schließen, dass das Tier etwas Aufregendes von dem fremden Besucher erwartete.

»Ich möchte die Inhaberin sprechen, Mrs. Forbes«, sagte Pearce.

»Worum geht es?«, erkundigte sich der Mann.

»Ist sie da?«, fuhr Pearce mit müder Stimme fort.

»Gehen Sie einfach und holen Sie Mrs. Forbes, ja?«

»Sie wird wissen wollen, warum Sie gekommen sind«, entgegnete der Mann unnachgiebig. Der Jack Russell stieß ein ungeduldiges Winseln aus.

»Ermittlungen«, schnappte Pearce.

»Es hat doch wohl nichts mit unserer Lizenz zu tun, oder?«, beharrte der andere.

»Wir hatten keinen Ärger hier. Dolores würde es niemals dulden.«

»Ich stelle Ermittlungen bezüglich des Todes von Mr. Jan Oakley an«, gab Pearce schließlich nach. Er sah sich im Geiste bereits den ganzen Tag dort stehen und mit dem Reinigungspersonal zanken. Die Information zeitigte den gewünschten Effekt.

»Meine Güte!«, sagte der Mann ehrfürchtig.

»Ich gehe und hole Dolores.« Er hastete zu einer Tür in der hinteren Wand, doch bevor er hindurch war, wandte er sich noch einmal um und rief:

»Das wird ihr überhaupt nicht gefallen, wie Sie sich denken können!« Pearce wurde bewusst, dass er die Wirtin gewarnt hatte. Er wappnete sich gegen das, was kommen würde. Trotzdem wurde er fast umgeworfen von der Wucht, mit der Mrs. Forbes durch die Tür und in die Bar gestürmt kam. Sie bot einen furchterregenden Anblick. Ihre blonden Haare waren um dicke Lockenwickler geschlungen, die ihren Kopf umgaben wie eine Art Helm. Sie trug einen schwarzen engen Pullover und eine noch engere, gleichfalls schwarze Hose, und sie balancierte auf zehn Zentimeter hohen Absätzen. Sie sah aus wie eine rachsüchtige Walküre.

»Was hat das zu bedeuten?«, herrschte sie Pearce an, nachdem sie sich vor ihm aufgebaut hatte. Es kostete Pearce ziemlich große Willensanstrengung, nicht vor ihr zurückzuweichen.

»Darren hat gesagt, Sie wären wegen diesem Oakley hier? Ich habe gehört, dass er gestorben ist. Was hat das alles mit uns zu tun?«

»Wenn ich recht informiert bin, Mrs. Forbes«, brachte Pearce kleinlaut hervor,»dann hat Mr. Oakley jeden Abend hier bei Ihnen gegessen.«

»Na und?«, schnarrte Mrs. Forbes. Pearce riss sich zusammen und bemühte sich, die Unterhaltung in den Griff zu bekommen.

»Wir versuchen, seine letzten Bewegungen zurückzuverfolgen, und wir interessieren uns ganz besonders für das, was er an diesem Samstag gegessen hat. Er hat jeden Abend hier bei Ihnen gegessen. Sie können uns helfen, indem Sie uns sagen, was er gehabt hat, falls Sie sich noch daran erinnern.«

»Selbstverständlich erinnere ich mich! Er hatte das preiswerteste Gericht auf der Karte! Das war die Vereinbarung, die ich mit Miss Oakley getroffen hatte. Er hatte Nudeln mit Basilikum, Tomaten und Mozzarella. Daran ist nichts verkehrt!« Sie starrte Pearce aus zusammengekniffenen Augen an.

»Woran ist er überhaupt gestorben?«

»Wir glauben, dass Mr. Oakley vergiftet wurde«, gestand Pearce.

»Vergiftet!«, schnaubte Mrs. Forbes ihm ins Gesicht, und diesmal wich Dave Pearce zurück. Der Jack Russell, der sich beim Näherkommen der Wirtin unter den nächsten Tisch zurückgezogen hatte, huschte nun eilig zur offenen Tür hinaus. Pearce wünschte, er könnte dem Tier folgen.

»In meinem ganzen Leben noch nicht …« Mrs. Forbes atmete schwer, und ihr mächtiger Busen tanzte auf und ab wie Signalbojen in einer aufgewühlten See,»… in meinem ganzen Leben noch nicht hat mich irgendjemand beschuldigt, dass ich ihn mit dem Essen vergiftet hätte, das ich in meinem Lokal serviere! Und ich bin in diesem Geschäft, seit ich neunzehn bin! Darren!« Der Mann hastete gehorsam herbei.

»Ja, Dolores?«

»Sag diesem Beamten, was du gestern zu Abend gegessen hast!«, befahl sie.

»Ich hatte die Nudeln«, sagte Darren gehorsam.

»Sie haben sehr gut geschmeckt. Ich mag Nudeln.«

»Sehen Sie?«, herrschte Mrs. Forbes den Inspector an.

»Und wie fühlst du dich heute, Darren?«

»Gut, danke sehr«, antwortete Darren.

»Du hast keine Bauchschmerzen? Keinen Durchfall? Du fühlst dich nicht krank?« Darren verneinte gehorsam jede der Teilfragen.

»Darren hat einen empfindlichen Magen«, erklärte Mrs. Forbes an Pearce gewandt.

»Wenn mit den Nudeln irgendetwas nicht gestimmt hätte, dann hätte Darren das als Erster bemerkt, habe ich Recht, Darren?«

»Ja, Dolores. Ich kann kein Curry vertragen, aber Pasta ist in Ordnung.«

»Ich bin nicht an Darrens Magen interessiert!«, schnauzte Pearce, dem es allmählich zu bunt wurde.

»Ich interessiere mich für den Magen von Jan Oakley und sonst gar nichts! Was hat er sonst noch gegessen oder getrunken? Hatte er nur die Nudeln?«

»Er hatte noch zwei Pints Lager. Es war Flaschenbier, also machen Sie unserem Pub keinen Vorwurf! Wir können nichts dafür, wenn mit den Flaschen etwas nicht gestimmt hat! Sämtliche Leitungen werden täglich gespült und gereinigt, und das Gleiche gilt für meine Küche! Sie wird jeden Tag von oben bis unten sauber gemacht, habe ich Recht, Darren?« Darren, der wahrscheinlich für das Reinigen verantwortlich war, stimmte düster zu, dass dem so wäre.

»Makellos!«, schnappte Mrs. Forbes.

»Kommen Sie nur und sehen Sie selbst!«

»Ich muss nicht …«, begann Pearce, doch bevor er sich’s versah, wurde er in eine weiß geflieste Küche geschoben, die tatsächlich, wie er zugeben musste, makellos sauber wirkte.

»Kühlschrank!«, schnappte Mrs. Forbes. Pearce wurde zum Kühlschrank geschoben, der aufgerissen wurde, und mit dem Kopf hineingestoßen, damit er ihn in Augenschein nehmen konnte.

»Geschirrschränke!« Türen flogen auf und krachten über seinem Kopf wieder zu.

»Boden!« Mrs. Forbes deutete herrisch auf den glänzend sauberen Fliesenboden. Pearce fragte sich, ob sie von ihm erwartete, dass er niederkniete und um Verzeihung bat, dass er sich angemaßt hatte, derart abscheuliche Verdächtigungen bezüglich der Küche des The Feathers anzudeuten.

»Ich hatte erst kürzlich einen Kerl vom Gesundheitsamt hier, der alles überprüft hat!«, fuhr die Wirtin fort. Sie war immer noch in voller Fahrt.

»Und er hat gesagt, meine Küche wäre ein leuchtendes Beispiel, von dem sich andere eine Scheibe abschneiden könnten, stimmt’s, Darren? Er hat gesagt, dass er sich wünscht, andere Küchen würden genauso aussehen!«

»Wir haben eine Bescheinigung erhalten«, ergänzte Darren.

»Und dort hängt sie, an der Wand, sehen Sie?«, rief Mrs. Forbes, indem sie schwungvoll mit einem Finger mit purpurrot lackiertem Nagel auf die Urkunde an der Wand deutete.

»Wir haben eine Auszeichnung erhalten! Von Amts wegen! Und für den Fall, dass Sie sich fragen …«, fuhr sie fort,»… dieser Hund setzt niemals auch nur eine Pfote hier hinein, stimmt’s, Darren?«

»Das glaube ich Ihnen wirklich gerne«, erwiderte Pearce, als er endlich eine Chance bekam, etwas zu sagen.

»Ich gestehe, Ihre Küche ist wunderbar sauber und reinlich. Ich wünschte, meine Küche zu Hause würde so aussehen!« (Gut, dass Tessa ihn nicht hörte – möglich, dass er sich schneller vor dem Scheidungsrichter wiederfand, als er denken konnte.)

»Kommen wir doch noch einmal zurück auf diesen Jan Oakley, ja?«, sagte er.

»Was wollen Sie denn noch über ihn wissen?« Dolores Forbes schniefte.

»Nicht, dass ich Ihnen irgendwas erzählen könnte, abgesehen davon, dass er nicht meine Kragenweite war. Mir taten diese beiden alten Liebchen richtig Leid. Sie zahlen die Rechnung für alles, was er hier gegessen hat, die beiden Oakley-Schwestern, wissen Sie? Ein Skandal, wenn Sie mich fragen! Ich nehme nicht an, dass sie viel Geld haben, abgesehen von ihrer Altersrente, und sie leben in diesem großen, ungemütlichen Haus! Es ist in einem schrecklichen Zustand innen, und der Garten sieht nur deswegen anständig aus, weil Ron Gladstone regelmäßig vorbeikommt und ihn in Schuss hält, aus reiner Freundlichkeit!«

»War Oakley immer allein, wenn er hier gegessen hat?« Pearce ließ sich nicht ablenken.

»Er kannte niemanden«, entgegnete Mrs. Forbes.

»Das einzige Mal, dass ich je einen anderen bei ihm gesehen hätte, war an einem Abend, als Superintendent Markby mit einer Frau vorbeikam und die beiden ein paar Minuten mit diesem Oakley geredet haben. Dann stand Oakley auf und ging.« Sie runzelte die Stirn.

»Der Superintendent und die Frau sind kurze Zeit darauf ebenfalls wieder gegangen. Ich glaube nicht, dass sie etwas hier gegessen haben.«

»Warum war Jan Oakley nicht Ihre Kragenweite, wie Sie es nennen?« Pearce überlegte, dass Markby und Miss Meredith wahrscheinlich den gleichen Eindruck von dem Lokal gehabt hatten wie er und Tessa – nicht gerade das, was man als warm und einladend bezeichnet.

»Ich sehe es ihnen an«, sagte Mrs. Forbes dunkel.

»Ich hätte ihm nicht einen Zentimeter über den Weg getraut. Er war ein ziemlich hübsch aussehender Bursche, zugegeben, und er war stets sehr höflich und hat sich sehr gewählt ausgedrückt. Aber die alten Damen wollten ihn nicht bei sich haben, wissen Sie, in ihrem Haus. Er hat von ihnen schmarotzt, und sie wussten es. Sie mochten ihn ebenfalls nicht.« Pearce dämmerte, dass Mrs. Forbes eine Menge mehr über die internen Angelegenheiten von Fourways House zu wissen schien, als man normalerweise erwartet hätte.

»Woher wissen Sie das?«, fragte er.

»Woher wissen Sie, dass das Haus in einem so schlechten Zustand ist und dass die beiden Schwestern ihren Cousin nicht bei sich haben wollten?«

»Unser Kenny hat mir alles darüber erzählt.« Auf Pearces fragenden Blick hin erklärte sie:

»Er hat ein Taxiunternehmen, verstehen Sie? Er bringt die beiden Schwestern regelmäßig in die Stadt zum Einkaufen, jeden Samstag, und unter der Woche ebenfalls, wenn sie irgendwohin müssen. Kenny sagt, das Haus wäre ihm richtig unheimlich, aber die beiden alten Damen tun ihm Leid, und er mag sie. Wie dem auch sei, er konnte sehen, dass sie diesen Jan Oakley nicht mochten. Und Ron Gladstone mochte ihn ebenfalls nicht.«

»Dann sollte ich vielleicht lieber mit Kenny sprechen«, sagte Pearce.

»Wie heißt er mit Nachnamen?«

»Joss«, antwortete die Wirtin.

»Er ist ein Cousin von mir.« Also war die streitbare Dolores eine Joss. Pearce kannte den Joss-Clan ziemlich gut – sowohl aus eigener Erfahrung als auch von seinem Ruf her. Er beäugte Darren.

»Ist er ebenfalls ein Joss?«, fragte er.

»Selbstverständlich nicht!« Mrs. Forbes starrte Pearce schockiert an.

»Er ist mein Partner, Darren Lee!« Sie zögerte und fügte dann sanftmütiger hinzu:

»Meine Ehe mit Charlie Forbes hat nicht lange gehalten. Ich war erst zwanzig, als wir geheiratet haben. Mit zwanzig weiß man noch nicht, was man tut, denken Sie nicht?« Charlie Forbes hatte es jedenfalls ganz bestimmt nicht gewusst.

Markby hatte das Büro des Chief Constable verlassen, nachdem er sich höflich-frostig verabschiedet hatte. Er war wütend, vielleicht ohne jeden Grund. Er wusste, dass Winsley wahrscheinlich Recht hatte. Jans Beschwerde, dass er von der Polizei schikaniert würde, selbst wenn sie sich als unbegründet erweisen sollte, würde einen Schatten auf die Ermittlungen werfen. Hinzu kam die langjährige Bekanntschaft Markbys mit den beiden Oakley-Schwestern und Merediths Bekanntschaft mit Jan, außerdem die beiden Painters, die sich heftig eingemischt hatten – ja, ein unbeteiligtes, waches Augenpaar sollte sich unvoreingenommen mit diesem Fall beschäftigen. Doch kühle Logik allein half nicht, genauso wenig wie die Tatsache, dass diese unvoreingenommenen Augen aus London kamen, ausgerechnet aus London! Tatsache war, für den nicht eingeweihten Betrachter musste es ganz so aussehen, als wäre Markby für nicht geeignet befunden worden, den Fall zu lösen. Die Angelegenheit würde auf ihn zurückfallen und nicht in Vergessenheit geraten.

Wenigstens blieb Markbys Team weiter an dem Fall. Minchin und Hayes würden den Fall nicht vollkommen alleine untersuchen können. Sie würden auf die Hilfe und Unterstützung aus dem Regionalen Hauptquartier zurückgreifen müssen und alles annehmen, was sie kriegen konnten. Das bedeutete, dass insbesondere Dave Pearce als Vermittler und Führer würde herhalten müssen. Nicht nur, dass die Neuen jemanden brauchen würden, der sich mit dem Fall und den Hintergründen auskannte – wichtiger noch war die Tatsache, dass dieses neue Arrangement keinerlei Rücksicht auf die in den Fall verwickelten Persönlichkeiten nahm. Beispielsweise die Oakley-Schwestern: Wie würden sie auf den Superintendent aus der Hauptstadt reagieren? Sie würden sich ihm gegenüber wohl kaum von der Seele reden, was sie belastete. Er war ein Fremder, und mit Fremden redete man nicht über persönliche Angelegenheiten. Dass die Angelegenheit inzwischen öffentlich war und polizeilich untersucht wurde, änderte daran nicht ein Iota. Und wie würde Meredith reagieren?

Markby lenkte den Wagen an den Straßenrand und zückte sein Mobiltelefon. Meredith saß in ihrem Büro am Schreibtisch.

»Hör zu«, sagte er.

»Vielleicht solltest du dir ein paar Tage freinehmen. Der Chief Constable hat zwei Typen aus der Hauptstadt angefordert, die den Fall übernehmen sollen. Sie werden alles und jeden ausgiebig befragen. Das schließt auch dich mit ein, fürchte ich.«

»Dann haben sie dir den Fall weggenommen?« Meredith klang deprimiert und verstohlen. Dieser neugierige Adrian belauschte sie wahrscheinlich wieder mal beim Telefonieren. Ein weiterer Grund für Meredith, ein paar Tage dem Büro fernzubleiben.

»Rein technisch betrachtet leite ich den Fall noch. Ein Köder, damit ich ruhig bleibe. Allerdings«, fügte er leise hinzu,»allerdings leite ich den Fall tatsächlich, solange ich im Regionalen Hauptquartier das Sagen habe – aber das werden der Chief Constable und die beiden Stadttypen früh genug herausfinden.« Ein wenig forscher fuhr er fort:

»Superintendent Minchin und ein gewisser Inspector Hayes werden morgen hier eintreffen. Ich soll ihnen eine Unterkunft besorgen.« Er zögerte.

»Ich dachte, sie könnten vielleicht in dein Haus? Es steht schließlich leer.«

»Mein Haus?«, Merediths Stimme klang verblüfft.

»Warum nicht? Entweder das, oder sie müssen ins Crown Hotel. Dein Haus ist frisch renoviert. Alles ist neu, die Teppiche, die Tapeten, das Mobiliar, alles. Und es ist möbliert. Die Polizei zahlt die übliche Miete für vorübergehende Unterbringung. Die beiden werden sich behaglicher fühlen, und wenigstens einer von uns beiden kann ein wenig davon profitieren.«.

»Das sieht dir gar nicht ähnlich, Alan!«, kam ihre überraschte Stimme durch den Hörer.

»Sagen wir so – ich bin auch nicht ganz mein übliches Selbst. Was nun – soll ich ihnen dein Haus anbieten? Oder soll ich sie im Crown abladen?«

»Sie können mein Haus haben, mit dem größten Vergnügen! Ich überlasse die Einzelheiten dir, und ich richte mir ein paar freie Tage ein. Wir sehen uns dann heute Abend.« Sie zögerte.

»Nimm es dir nicht zu Herzen, Alan. Es ist alles eine Frage der Umstände, mehr nicht, und du wusstest von Anfang an, dass die Möglichkeit bestand – du hast es den Oakleys selbst gesagt. Ich nehme nicht an, dass der Chief Constable die Leute aus London gerne hier hat. Es sieht so aus, als kämen wir nicht in unserem eigenen Land zurecht. Ich bin sicher, er hätte viel lieber dir die Leitung der Ermittlungen überlassen. Er macht sich wahrscheinlich Sorgen wegen der Presse und der Öffentlichkeit.«

»Das hat er mehr oder weniger eingeräumt«, sagte Markby.

»Zu wissen, dass jemand Recht hat, bedeutet nicht automatisch, dass man eine unwillkommene Entscheidung gutheißt.« Er kehrte zu seinem Wagen zurück und fuhr langsam und gedankenverloren zurück in sein Büro. Pearce erwartete ihn bereits.

»Ich war im Feathers, Sir«, begrüßte er Markby.

»Was für ein Laden! Ich dachte im ersten Augenblick, die Wirtin würde sich auf mich stürzen! Ich glaube nicht, dass Oakley dort vergiftet wurde, es sei denn, die Stimmung des Ladens hat ihm so zugesetzt, dass er freiwillig aus dem Leben scheiden wollte.« Markby brachte ein schwaches Grinsen zu Stande.

»Ja, ich habe Dolores kennen gelernt. Nun ja, Dave, von morgen an werden Sie jemand anders Bericht erstatten.« Er erklärte seinem Inspector die Lage.

»Superintendent Minchin und Inspector Hayes werden aus London hierher kommen.« Pearce blickte missmutig drein.

»Das gefällt mir überhaupt nicht.«

»Ich kann nichts weiter dazu sagen, Dave. Ich bin sicher, Superintendent Minchin ist ein fähiger Mann. Sie werden der Beamte sein, der die notwendige Verbindung zwischen den beiden und unserem Büro herstellt. Ich muss wohl nicht extra betonen, dass Sie den beiden bitte jede nur erdenkliche Unterstützung gewähren. Sie werden in großem Maße auf Ihre Mitarbeit angewiesen sein. Kopf hoch, Dave! Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass die Dinge nicht glatt laufen könnten.« Markby hegte den Verdacht, dass seine Worte alles andere als überzeugt klangen. Pearce sah entschieden danach aus, als befürchtete er das Schlimmste. Detective Constable Ginny Holding steckte den Kopf durch die Tür.

»Sir? Hier ist ein Mann von der polnischen Botschaft, der Sie sprechen möchte. Sein Name lautet …« sie blickte flüchtig auf eine Visitenkarte in ihrer Hand,»… sein Name lautet Landowsky. Tadeusz Landowsky.« Sie stolperte über die Aussprache.

»Das ging schnell«, sagte Markby überrascht.

»Nun, bringen Sie ihn rein. Ich nehme an, dass ich hier so lange weitermachen werde, bis Minchin eingetroffen ist.« Er war nicht sicher, was er sich unter einem polnischen Konsularbeamten vorstellen sollte. Landowsky, als er schließlich zur Tür hereinplatzte, erwies sich als ein stämmiger, aggressiver junger Mann in einem Lederjackett, unter dem er einen Pullover mit Polokragen trug, dazu eine Baumwollhose aus starkem Stoff. Er packte Markbys dargebotene Hand, pumpte sie wütend auf und ab und ließ sich ohne Zögern in den angebotenen Sessel fallen.

»Ich bin sofort gekommen«, sagte er.

»Schließlich handelt es sich hier um einen Mord!«

»Wir wissen dies zu schätzen«, sagte Markby. Landowsky nickte gnädig.

»Ich habe einen Bericht im diplomatischen Gepäck nach Warschau geschickt. Er müsste spätestens morgen Früh dort sein. Wir werden Ihnen selbstverständlich jegliche Informationen zukommen lassen, die wir in Polen über Jan Oakley erhalten. Allerdings muss ich sagen, Oakley ist zwar kein polnischer Name, doch der Mann scheint auf andere Weise seinen Eindruck hinterlassen zu haben, wie es so schön heißt. Wir werden die polizeilichen Unterlagen prüfen.«

»Sein Urgroßvater war Engländer«, berichtete Markby.

»William Oakley.« Landowsky hatte sich nach dem ersten Ausbruch von Energie ein wenig entspannt. Ginny Holding kam mit dem Kaffee. Sie war ein attraktives Ding, und Landowsky ließ sich ablenken. Er grinste sie verführerisch an und dankte ihr auf spürbar freundlichere Weise. Du verschwendest deine Zeit, Kumpel dachte Markby nicht ohne Befriedigung. Sie hat einen Freund, und er ist ebenfalls bei der Polizei. Landowsky stellte seinen Kaffee auf Markbys Schreibtisch und beugte sich vertraulich vor.

»Ich bin ein Fan, wissen Sie, ein Fan der englischen Krimis. Es wird bestimmt sehr interessant werden, die britische Polizei bei den Ermittlungen in einem Mordfall zu beobachten. Wie im richtigen Leben, eh?«

»Die Ermittlungen werden von einem Superintendent Minchin geleitet«, sagte Markby hölzern.

»Er kommt morgen aus London hierher.«

»Scotland Yard!«, krähte Landowsky freudig erregt.

»Das ist ja wie beim guten alten John Dickson Carr oder dem vielbewunderten Ngaio Marsh!« Er rieb sich voller Vorfreude die Hände.

»Ich denke«, sagte Markby milde, weil er seinem Besucher diese naive Erwartung nicht verderben wollte,»ich denke, Sie werden herausfinden, dass wir uns ein wenig weiterentwickelt haben seit jenen Tagen.« Landowsky betrachtete Markby nachdenklich, dann war er plötzlich wieder ganz nüchtern.

»Wenn ich recht informiert bin, hatte er in England Verwandte? Dieser Jan Oakley, meine ich?«

»Das ist richtig. Zwei ältere Frauen. Zwei Schwestern.«

»Werden sie die Begräbniskosten übernehmen?« Markby zuckte betroffen zusammen und gestand, dass er bisher noch keinen Gedanken an Oakleys Bestattung verschwendet hatte.

»Wir müssen uns aber Gedanken darüber machen«, sagte Landowsky tadelnd.

»Ich würde es vorziehen, wenn die Kosten nicht zu Lasten des polnischen Staates gingen.«

»Vielleicht gibt es ja in Polen noch Verwandte, die seinen Leichnam nach Hause überführen mögen … wenn die Zeit gekommen ist?«, spekulierte Markby. Landowsky schüttelte den Kopf.

»Das ist höchst unwahrscheinlich. Einen Leichnam zu überführen ist eine sehr kostspielige Angelegenheit, und es gibt zahlreiche Vorschriften zu beachten. Der Sarg muss von einer ganz bestimmten Sorte sein. Er muss in einem gekühlten Raum gelagert werden. Das alles treibt die Kosten noch weiter in die Höhe.«

»Die beiden Frauen …«, berichtete Markby,»sie sind beide über achtzig und finanziell eher schlecht gestellt. Der Verstorbene war ein gründliches Ärgernis für die beiden während der gesamten Dauer seines Besuchs. Sie haben erst kürzlich von seiner Existenz erfahren. Sie unter Druck zu setzen, um Geld für Jan Oakleys Bestattung zusammenzukratzen … sagen wir es so: Rein technisch betrachtet könnten Sie es vielleicht. Die Schicklichkeit allerdings …« Landowsky starrte Markby düster an.

»Ich verstehe. Allerdings habe ich auch meine Aufgabe zu erfüllen. Vielleicht gibt es ja tatsächlich einen Verwandten in Polen? Obwohl dieser offen gestanden wahrscheinlich ebenfalls kein Geld haben wird.« Er dachte ein paar Augenblicke nach und fügte dann hoffnungsvoll hinzu:

»Aber wie steht es mit der englischen Sozialfürsorge?«

»Er war nur für ein paar Wochen hier in England«, entgegnete Markby ungehalten.

»Und um es deutlich zu sagen – er ist einer von Ihren Leuten.« Landowsky wusste, wann er verloren hatte. Markby würde nicht nachgeben.

»Nun ja, warten wir, bis der Leichnam freigegeben wird, und dann sehen wir, was sich machen lässt. Dürfte ich nach der Todesursache fragen?«

»Selbstverständlich. Jan Oakley wurde vergiftet. Mit Arsen.« Landowskys Miene erhellte sich augenblicklich.

»Arsen!«, hauchte er ehrfürchtig.

»Genau wie in der guten alten Zeit!« So konnte man es auch sagen.

KAPITEL 18

DER RUNDLICHE, kleinwüchsige Mr. Green, Verteidiger von William Oakley, hatte nach und nach den ernsten Ausdruck eines Kartenspielers angenommen, der wusste, dass sein Blatt gewinnen würde. Und nun spielte er seinen Trumpf aus. Er rief Mr. Joseph Baxter in den Zeugenstand, Apotheker in Bamford. Im Gegensatz zum Verteidiger wirkte Baxter geradezu nervös. Beim ersten Versuch zu reden versagte ihm nach wenigen Silben die Stimme, und er musste von vorne anfangen. Schließlich sagte er aus, dass er am fraglichen Tag Laudanum für Mrs. Oakley angemischt hatte und dass Mr. Oakley vorbeigekommen wäre, um das Medikament zu bezahlen und abzuholen.

»Es war genau nach Rezept!«, fügte Mr. Baxter nervös hinzu.

»Seit dem Pharmacy Act von 1868 dürfen wir keine größeren Mengen opiumbasierter Zubereitungen mehr herausgeben, es sei denn, der Arzt verschreibt sie. Und Dr. Perkins hat Mrs. Oakley schon früher hier und da Laudanum verschrieben. Die Lady Oakley hatte Zahnschmerzen. Laudanum wird immer noch sehr gerne verschrieben, wenn ein Patient unter Zahnschmerzen leidet.«

»Ganz recht«, sagte Mr. Green freundlich.

»Haben Sie Mrs. Oakley schon früher hin und wieder Laudanum gegeben?«

»J-ja«, stotterte Baxter und betrachtete den Fragesteller ängstlich.

»Sie verließ sich auf Laudanum als Schmerzmittel. Dr. Perkins hat es ihr schon früher regelmäßig verschrieben.«

»Und sie war auch selbst schon in Ihrer Apotheke, um das Medikament abzuholen, mit und ohne Rezept?«

»Nur winzige Mengen!«, rief der Apotheker erschrocken.

»Wir geben noch immer kleine Dosen an Leute heraus, die kein Rezept bei sich haben. Sie wissen das, und sie verlassen sich darauf. Nicht jeder Einwohner von Bamford kann es sich leisten, einen Arzt zu besuchen. Viele Kranke behandeln sich selbst!«

»Niemand möchte andeuten, Sie hätten etwas Ungesetzliches getan, Mr. Baxter. Hat Mrs. Oakley bei einer jener Gelegenheiten, zu denen sie kleine Mengen Laudanum bei Ihnen erstanden hat, den Grund genannt, warum sie es benötigt?«

»Manchmal sagte sie, es wäre gegen irgendwelche Schmerzen, unter denen sie litt, und manchmal für den einen oder anderen ihrer Diener. Bevor sie sich diesen Zahn hat ziehen lassen, litt sie über einen Monat lang an Zahnschmerzen. Sie kam während dieser Zeit mehrmals vorbei. Am Ende musste ich ihr sagen, dass sie zum Zahnarzt gehen sollte, damit er sich den Zahn einmal ansieht. ›Da haben Sie wohl Recht, Mr. Baxter‹, lautete ihre Antwort. Kurz darauf war sie bei einem Zahnarzt und bekam den Zahn gezogen.«

»Sie haben Mrs. Oakley also empfohlen, sich den Zahn ziehen zu lassen.« Mr. Green beugte sich vor.

»Warum?«

»Nun ja, Sir, sie litt unter Zahnschmerzen, und so etwas geht nicht von alleine wieder weg!«, rief Baxter aufgeregt aus.

»Aus keinem anderen Grund, Mr. Baxter?« Der Apotheker schluckte mühsam, und sein Adamsapfel tanzte an seinem Hals auf und ab.

»Ich wollte nicht, dass sie weiter so viel Laudanum nimmt, Sir, und das meine ich ernst. Ich kenne Leute, die davon abhängig geworden sind. Nicht mehr so viele wie früher, vor dem neuen Gesetz. Als mein Vater noch Apotheker in Bamford war, gab es viele Leute, die davon abhängig waren. Von Opium wird man abhängig, und Laudanum ist schließlich eine Opium-Tinktur, nicht wahr?«

»Sie befürchteten, dass Mrs. Oakley abhängig werden könnte?«

»Um die Wahrheit zu sagen, Sir, genau das tat ich, ja«, gestand der Apotheker.

»Wäre es jemand anders gewesen, ich hätte mich mit ihrem Ehemann unterhalten, aber so … ich mische mich nicht gerne in Angelegenheiten der vornehmen Leute ein. Ich … na ja, ich bin auf sie angewiesen und darauf, dass sie mir gewogen sind. Wie jeder Geschäftsmann. Angenommen, ich hätte mich geirrt? Wie hätten Mr. und Mrs. Oakley darauf reagiert?«

»Also haben Sie dieser Dame lieber regelmäßig kleine Mengen Laudanum gegeben und zu alledem geschwiegen. Erzählen Sie mir doch, angenommen, eine Person würde süchtig nach diesem Medikament, so wie Sie es beschrieben haben – woran würde man das merken?«

»Schwer zu sagen, Sir. Opium spielt dem Verstand Streiche. Manchmal sehen die Leute Dinge, die in Wirklichkeit nicht da sind. Oder Dinge, die da sind, sehen auf einmal anders aus. Manchmal geht ihre Fantasie förmlich mit ihnen durch. Ich habe von Dichtern gehört, die unter dem Einfluss von Opium wundervolle Zeilen zu Papier gebracht haben. Aber manchmal ist es auch wie ein Albtraum. Nach einiger Zeit jedenfalls wird die betroffene Person lustlos, verliert jegliches Interesse und kann sich selbst nicht mehr organisieren.«

»Würde solch eine abhängige Person ihre Umgebung eher richtig oder eher falsch einschätzen, das, was sie ringsum sieht und hört?«

»Sehr wahrscheinlich falsch, Sir«, sagte Baxter und fügte hastig hinzu:

»Aber ich weiß nicht, ob das bei Mrs. Oakley der Fall gewesen ist!«

»Nein, natürlich nicht. Aber ich frage ja auch nur ganz allgemein nach Ihrer Meinung. Würde eine solche Person zu Ungeschicklichkeit neigen?«

»Durchaus möglich, Sir. Nachdem man eine Dosis genommen hat, wird man schläfrig und kann seine Bewegungen nicht mehr richtig koordinieren.«

»Wenn also eine Person, die vor dem Schlafengehen Laudanum eingenommen hat, noch unter dem Einfluss des Medikaments versucht, wieder aus dem Bett aufzustehen, was würde geschehen?«

»Sie würde wahrscheinlich hinfallen«, sagte Baxter einfach.

»Danke sehr, Mr. Baxter«, sagte Mr. Green. Er blickte sich um, als erwartete er eine Runde Applaus. Stanley Huxtable war nicht weiter überrascht, dass er keinen bekam.

Als Mr. Green schließlich sein Plädoyer für die Jury hielt, strahlte er womöglich noch mehr Zuversicht aus.

»Gentlemen von der Jury, wir befinden uns hier vor einem britischen Gerichtshof. Es ist eine grundlegende Regel britischer Rechtsprechung, dass eine angeklagte Person nicht aufgrund von Geschwätz und Hörensagen verurteilt werden darf, sondern nur aufgrund von eindeutigen und geprüften Beweisen.

Betrachten wir die Beweise in diesem Fall. Sie scheinen größtenteils aus der Aussage einer entlassenen Bediensteten zu bestehen, Martha Button. Mrs. Button behauptet, ihr Arbeitgeber hätte ein unsauberes Verhältnis zu dem Kindermädchen unterhalten, Daisy Joss. Doch Daisy Joss ist mit einem respektablen jungen Mann liiert und hofft darauf zu heiraten. Sie spart für ihre Aussteuer. Ist es wahrscheinlich, dass sie ihr zukünftiges Glück aufs Spiel setzen würde? Der Anwalt der Krone hat unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt, dass Daisy Joss nach dem Tod von Mrs. Oakley weiterhin auf Fourways House angestellt blieb und eine Lohnerhöhung bekam. Es kann doch wohl nicht falsch sein von Mr. Oakley, die tägliche Routine seines Sohnes so weit als möglich aufrechtzuerhalten und die Aufregung eines Kindes zu minimieren, das seine Mutter verloren hat? Was die geschenkten Ohrringe angeht, sie waren ihrer Natur nach ein kleines Erinnerungsstück, und Koralle ist wohl kaum die kostbarste Substanz, die bei Schmuckstücken verwendet wird. Tatsächlich könnte man diese Ohrringe treffender als Plunder bezeichnen.

Mehr noch, die tote Frau, Cora Oakley, hat unter dem einen oder anderen Vorwand auch früher schon Laudanum genommen, in einem Ausmaß, dass sich der Apotheker, der es ihr verkauft hat, anfing Sorgen zu machen. Sie haben Mr. Baxter beschreiben hören, dass eine Person, die abhängig von Laudanum geworden ist, ganz verwirrt im Kopf werden kann und anfängt, sich Dinge einzubilden. Könnte es nicht sein, dass Cora Oakley morbide Fantasien hegte? Dass sie sich eingebildet hat, ein zufällig aufgeschnapptes freundliches Wort ihres Ehemannes zu dem Kindermädchen, ein Scherz vielleicht, wäre der Hinweis auf eine schändliche, ehebrecherische Aktivität? Unter diesen Umständen glaube ich nicht, dass wir allzu viel in die Dinge interpretieren dürfen, die sie der Haushälterin Mrs. Button anvertraut hat, insbesondere nicht, was die Entlassung von Daisy Joss angeht.

Kommen wir nun zu der Art und Weise, in der Mr. William Oakley nach den Worten des Staatsanwalts versucht haben soll, seine Frau vom Leben zum Tod zu befördern. Er soll eine kleine Menge Arsen aus einer Fabrik entwendet haben, der er einen Routinebesuch abgestattet hatte. Hat irgendjemand ihn beobachtet, wie er es genommen hat? Wurde in seinem Besitz Arsen gefunden? Hat die Fabrik das Fehlen der Substanz gemeldet? Die Antwort auf alle drei dieser Fragen lautet eindeutig NEIN! Die Existenz dieser Probe ist rein hypothetisch, man könnte sagen eingebildet, und durch nichts bewiesen! Was ist mit den Gegenständen, von denen wir erfahren haben, sie hätten zu einer Apparatur gehört, die Mr. Oakley in Mrs. Oakleys Zimmer aufgebaut hatte? Gegenständen, die, wie wir ebenfalls erfahren haben, auf mysteriöse Weise verschwunden sind? Wer hat sie gesehen? Niemand außer Mrs. Button. Hat Dr. Perkins sie bemerkt, als er in jener Nacht auf Fourways House eintraf? Nein, hat er nicht. Wer hat den Knoblauchgeruch in Mrs. Oakleys Zimmer bemerkt? Allein Mrs. Button, sonst niemand. Hat Dr. Perkins etwas gerochen? Nein, hat er nicht. Hat Mrs. Button beim ursprünglichen Gerichtsverfahren zur Feststellung der Todesursache Mrs. Oakleys etwas davon erwähnt? Nein, hat sie nicht. Wann hat sie diese Dinge erwähnt? Nachdem sie aus ihrer Anstellung entlassen worden war.

Betrachten wir andererseits, was wir mit Sicherheit wissen und übereinstimmend als Tatsache ansehen. Hat Mrs. Oakley seit über einem Monat wegen ihrer Zahnschmerzen Laudanum eingenommen, bevor sie sich den Zahn hat ziehen lassen? Ja, das hat sie. Hat sie es an jenem Abend eingenommen, nachdem der Zahn gezogen worden war? Ja, das hat sie – auf eine Verschreibung von Dr. Perkins hin. Mr. Oakley hat es selbst gekauft und zu seiner Frau ans Bett gebracht, bestrebt, ihr in ihrem Schmerz zu helfen. Ist Mrs. Oakley später gestürzt und hat dabei die Lampe umgerissen und ihre Kleidung in Brand gesetzt? Ja, das ist sie. Hat Mrs. Button gesehen, wie ihre unglückliche Herrin in Flammen stand? Ja, das hat sie, und sie hat uns eine bildhafte Schilderung des Vorfalls geliefert. Hat Dr. Perkins zum Zeitpunkt von Mrs. Oakleys Tod gesagt, dass die Ursache Verbrennungen und der erlittene Schock waren? Ja, das hat er. Gentlemen von der Jury, wir haben sehr viele einfallsreiche Mutmaßungen vor diesem Gericht gehört, doch darunter war nichts, um uns ohne jeden Zweifel zu beweisen, dass Mrs. Oakley an etwas anderem als ihrem unheilvollen Sturz angesichts der durch das Laudanum hervorgerufenen Benommenheit und der in der Folge erlittenen Verbrennungen gestorben sein könnte.

»Und genau das ist es, was geschehen ist …«

»Das war’s«, sagte der Mann von Reuters, nachdem der Richter die Jury ein letztes Mal belehrt hatte.

»Die Jury hat sich zurückgezogen. Zeit für ein Pint.« Er sammelte seine Sachen auf und blickte wartend auf seinen Begleiter hinab.

»Suchen Sie nach jemandem?«